Wenn IWF und Weltbank die Ukraine wiederaufbauen wollen, kann man nur Sturm dagegen laufen
Seit mehr als zwei Jahren wehrt sich die Ukraine gegen die Aggression und Besetzung durch Putins Armee. Mit groĂen Anstrengungen kĂ€mpft das Land gegen die Invasion, wobei Linke und die Gewerkschaften eine unschĂ€tzbare Rolle im Widerstand spielen.
Zehntausende Soldaten und Zivilist:innen wurden getötet oder verletzt, 8,2 Millionen Menschen sind auĂerhalb der Ukraine auf der Flucht, 5,4 Millionen sind BinnenflĂŒchtlinge. Millionen Menschen leben unter tĂ€glicher Bombendrohung und Kriegsrecht.
Nun will das internationale Finanzkapital mit Hilfe der US- und EU-Regierungen die ausgeblutete Ukraine gefĂŒgig machen. Was euphemistisch âWiederaufbauâ genannt wird, ist in Wirklichkeit ein massives Verschuldungsprogramm. Dabei geht es vor allem darum, die Ukraine so umzubauen, dass sich auslĂ€ndische Investoren und Konzerne nach dem Krieg das geschundene Land, seine Wirtschaft und seine Ressourcen unter den Nagel reiĂen können. Die Schulden der Ukraine sollen in den nĂ€chsten Jahren von 132 auf 170 Milliarden Dollar steigen.
Wiederaufbaukonferenz in Berlin
Seit 2017 treffen sich jĂ€hrlich hochrangige Regierungsvertreter und Unternehmer der EU, der NATO, der G7-Staaten, Vertreter fĂŒhrender Unternehmen und Think-Tanks zur Ukraine Reform Conference (URC), um, wie es offiziell heiĂt, âdie Ukraine in ihrem Streben nach Reformen zu unterstĂŒtzenâ. Seit der russischen Aggression wurden diese jĂ€hrlichen Konferenzen in Ukraine Recovery Conference (URC) umbenannt. Bei der URC 2022 in Lugano wurde mit der âLugano Declarationâ ein âMarshallplanâ fĂŒr die Ukraine verabschiedet, der die Eckpfeiler fĂŒr eine neoliberale Umstrukturierung der Ukraine als Voraussetzung fĂŒr einen gemeinsamen Wiederaufbau festlegt. Bei der darauf folgenden URC 2023 in London wurde der Schwerpunkt auf die Beteiligung des Privatsektors gelegt. (Siehe SoZ Nr. 1/23 und 7/23)
Am 11. und 12. Juni 2024 wird die Ukraine Recovery Conference 2024 von der deutschen Bundesregierung in Berlin ausgerichtet. Sie wird seit einiger Zeit intensiv vorbereitet. Dazu fanden bereits zahlreiche Treffen mit Vertreter:innen aus Industrie und Wirtschaft sowie der Wissenschaft statt, auch im Beisein der ukrainischen Regierung, sowohl von PrĂ€sident Wolodymyr Selenskyj als auch von Oleksandr Kubrakow, dem fĂŒr den Wiederaufbau zustĂ€ndigen Vizepremierminister der Ukraine. Zur Koordination aller Akteur:innen und zur Beteiligung an zentralen Vorbereitungsveranstaltungen wurde von der Bundesregierung eine spezielle Plattform eingerichtet.
Die EuropĂ€ische Kommission begleitet die Vorbereitung der URC 2024 sehr eng mit ihrer eigenen Agenda fĂŒr so genannte Strukturreformen. In Berlin will die Bundesregierung die strukturelle Anpassung der ukrainischen Wirtschaft und Sozialpolitik an die EU-Vorgaben vorantreiben und eine stĂ€rkere Beteiligung der eigenen Privatwirtschaft erreichen. Auf Wunsch der hiesigen UnternehmerverbĂ€nde und Konzerne wurde ein umfassender Schutz fĂŒr Investitionen in der Ukraine eingefĂŒhrt.
Besonderes Interesse haben deutsche Unternehmen und Regierung am so genannten ânachhaltigen Wiederaufbau der Wirtschaftâ. Dazu gehört der ukrainische Energiemarkt, konkret der Aufbau einer Wasserstoffproduktion in der Ukraine nach neokolonialem Muster. Weitere Projekte betreffen die Industrialisierung der Landwirtschaft durch auslĂ€ndisches Kapital, die Reorganisation des Gesundheitssektors, eine verstĂ€rkte Rolle im StĂ€dte- und Wohnungsbau sowie lukrative Beratungsleistungen zur Umsetzung der ânachhaltigen Strukturanpassungâ auf vielen Ebenen.
Schein und Sein: eine versteckte Agenda
Hinter den schönen Worten âGeld geben und den Wiederaufbau und nachhaltige Reformen unterstĂŒtzenâ verbirgt sich das sehr eigennĂŒtzige Ziel, die Investitionsbedingungen in der Ukraine so zu gestalten, dass die Investitionen fĂŒr die GeberlĂ€nder möglichst profitabel sind.
Eines der deutlichsten Zeichen, in welche Richtung der so genannte Wiederaufbau der Ukraine durch die westlichen MĂ€chte gehen soll, ist die Tatsache, dass auf der Londoner URC 2023 BlackRock und JP Morgan mit der Koordination des Wiederaufbaus beauftragt wurden. BlackRock hat dabei die extraktivistischen Industrien im Auge, insbesondere den Bergbau, wĂ€hrend JP Morgan den Finanzsektor ĂŒbernehmen will. Eine Schocktherapie ist angesagt, wie sie in der Vergangenheit vielen LĂ€ndern durch Strukturreformen unter der Schirmherrschaft des Internationalen WĂ€hrungsfonds (IWF) aufgezwungen wurde. Kredite und Schulden spielten dabei immer eine zentrale Rolle, etwa bei der Rosskur, die die EU-Troika aus EuropĂ€ischer Zentralbank, IWF und EuropĂ€ischer Kommission Griechenland seit 2015 verordnet.
Seit der UnabhĂ€ngigkeit der Ukraine 1991 versuchen die WestmĂ€chte, das Land einer Schocktherapie zu unterziehen. Die Ukraine widersetzte sich in der Vergangenheit jedoch teilweise den geforderten MaĂnahmen, indem sie beispielsweise den Verkauf von Ackerland an auslĂ€ndische Investoren verbot oder sich weigerte, öffentliche Infrastruktur und Dienstleistungen massiv zu privatisieren.
Dies wollen EU, IWF und Weltbank mit UnterstĂŒtzung des internationalen Kapitals nun mit der Schuldenkeule nachholen. Die ukrainische Regierung hat die neuen Auflagen bereits akzeptiert. So wurde das 2001 verhĂ€ngte Moratorium, das den Verkauf von Agrarland an AuslĂ€nder verbot, auf Druck des US-AuĂenministeriums, von IWF und Weltbank schon im Juni 2020 aufgehoben.
Im vergangenen Sommer wurde das Arbeitsrecht so verschlechtert, dass 70 Prozent der BeschĂ€ftigten einen Teil seines Schutzes und das Recht auf Tarifverhandlungen verloren haben. âNull-Stunden-VertrĂ€geâ wurden nach britischem Vorbild legalisiert, bei denen die BeschĂ€ftigten nicht wissen, wie viel Arbeit sie von einer Woche zur nĂ€chsten haben werden. Derzeit ist die ukrainische Regierung dabei, das Arbeitsgesetz nochmals drastisch zu verschlechtern.
Schocktherapie
Bei der Schocktherapie, die die WestmĂ€chte mit UnterstĂŒtzung von IWF und Weltbank der Ukraine verpassen wollen, sind die Kredite â also die Schulden in Höhe von bisher 132 Milliarden US-Dollar und die 486 Milliarden US-Dollar fĂŒr den Wiederaufbau in den nĂ€chsten zehn Jahren â der zentrale Hebel, um das Land zu erpressen und ihm eine neoliberale Politik aufzuzwingen: umfassende Privatisierung der Staatsbetriebe, der Infrastruktur und des fruchtbaren Landes, weitere Deregulierung und Abbau des Arbeitsrechts, Abbau der öffentlichen Dienstleistungen und Ăffnung des Landes fĂŒr das multinationale Kapital. Das waren die Bedingungen der GlĂ€ubigerlĂ€nder auf der URC2023 in London.
Die Bundesregierung will mit der URC2024 in Berlin dazu beitragen, diese âReformâziele zu erreichen. Zwar zögert das deutsche und europĂ€ische Kapital noch, massiv in der Ukraine zu investieren, aber â so das Credo der aktuellen Politik â wenn der Krieg vorbei, das Land am Boden, die Arbeiter gefĂŒgig und die Investitionsbedingungen gut sind, dann wird sich das Ă€ndern.
Derzeit wird viel darĂŒber diskutiert, ob sich die Ukraine von der neoliberalen Politik abwendet, denn die Regierung scheint bestrebt zu sein, dem Staat eine gröĂere Rolle beim Wiederaufbau zu geben. TatsĂ€chlich scheint die Ukraine bereit zu sein, auch Unternehmer und Oligarchen zu besteuern, um durch PPPs (Private Public Partnerships, öffentlich-private Partnerschaften), also durch die Kooperation der öffentlichen Hand mit der Privatwirtschaft, eine eigene Rolle beim Wiederaufbau der Infrastruktur spielen zu können.
Entgegen anderslautenden Behauptungen bedeuten aber weder eine stĂ€rkere Rolle des Staates noch PPPs eine Abkehr von neoliberaler Politik, etwa im Arbeitsrecht und bei der sozialen Sicherung. DiesbezĂŒglich sollte man sich keinen Illusionen hingeben, genauso wenig wie sich die ukrainischen LohnabhĂ€ngigen und Gewerkschaften darauf verlassen können, dass ein EU-Beitritt eine Politik der AusteritĂ€t und des Sozialabbaus ĂŒber die Sozialcharta bremsen wĂŒrde; auch in dieser Hinsicht hat Griechenland gezeigt, wie EU-Politik wirklich aussieht. Eine Schocktherapie kann nur abgewehrt werden, wenn sich die ukrainische und europĂ€ische Linke, Gewerkschaften und soziale Bewegungen solidarisch und gemeinsam dagegen wehren.
FĂŒr einen selbstbestimmten Wiederaufbau
Dies soll auch das Ziel einer Gegenveranstaltung zur URC2024 in Berlin sein, ĂŒber die derzeit Personen und Organisationen aus dem sozialen, politischen und gewerkschaftlichen Bereich diskutieren. Dazu wird es voraussichtlich im MĂ€rz in Berlin ein Treffen mit allen geben, die bereit sind, sich an der Organisierung einer solchen Veranstaltung â so wie sie im letzten Jahr in London stattgefunden hat â zu beteiligen. Im Mittelpunkt stehen dabei der selbstbestimmte Wiederaufbau der Ukraine und die SolidaritĂ€t mit der Bevölkerung und den gewerkschaftlichen, politischen und sozialen Bewegungen in der Ukraine.
Neben dem selbstbestimmten Wiederaufbau der Ukraine, der Abwehr von Angriffen auf soziale Errungenschaften und einer neokolonialen Energiepolitik wird es auch um die Notwendigkeit eines Schuldenerlasses fĂŒr die Ukraine und die dringende SolidaritĂ€t mit Gewerkschaften, sozialen Bewegungen und der Bevölkerung gehen.