Chris Zeller
Die Junge Welt hat Ingar Solty sehr viel Platz zur VerfĂŒgung gestellt, damit dieser den âlinken und linksradikalen BefĂŒrworter[n] von Waffenlieferungen in die Ukraineâ WidersprĂŒchlichkeit, Moralismus und Geschichtsrevisionismus vorwerfen kann. Das Ziel: linke SolidaritĂ€t mit dem ukrainischen Widerstand als âAnhĂ€ngsel der herrschenden Politikâ delegitimieren. [1]
Ingar Solty zieht eine Strohpuppendiskussion auf. Er kritisiert Linke und Linksradikale, die aktiv Waffenlieferungen vom bĂŒrgerlichen Staat fordern, zitiert dann aber liberale bis konservative Journalist:innen, Politiker:innen und Professor:innen. Das ist entweder unverstĂ€ndlich oder bewusst irrefĂŒhrend. Es wĂ€re redlich diese kritisierte Einstiegsaussage mit Zitaten und deren BegrĂŒndungen zu belegen.
Es ist gleich eine doppelte Falschdarstellung, wenn der Ingar Solty meint, dass jene Linken, die eine Kampagne fĂŒr Waffenlieferungen an die Ukraine fĂŒhrten (wer tut das), zugleich keine konkrete SolidaritĂ€t mit den Gewerkschaften in der Ukraine ĂŒbten. Die zentrale Differenz ist nicht die Frage, ob irgendwer Waffen an die bĂŒrgerliche Armee der Ukraine liefert oder nicht. DarĂŒber will Ingar Solty in diesem Artikel auch nicht schreiben, obwohl er das mit seiner Delegitimierung der kritisierten "Linksradikalen" indirekt und sehr wohl gezielt tut.
Die zentrale Frage ist die, ob man sich auf die Seite der kĂ€mpfenden Angegriffenen, UnterdrĂŒckten, Vertriebenen und Ausgebeuteten stellt, und zwar unabhĂ€ngig davon, was die eine oder andere imperialistische Macht gerade tut oder nicht tut. Wenn Ingar Solty das als moralischen Zugang abtut, steht ihm das frei. Doch ohne Empathie und SolidaritĂ€t mit den Angegriffenen ist emanzipatorische Politik unmöglich. Zugleich gibt es sehr wohl theoretisch begrĂŒndete politische GrundsĂ€tze, die in der Geschichte der Arbeiter:innenbewegung verankert sind. Das Recht auf Selbstbestimmung schlieĂt selbstverstĂ€ndlich ein, dass die Angegriffenen mit geeigneten Waffen zur Wehr setzen und dass sie diese Waffen von jenen erhalten, die bereit sind, ihnen diese â aus welchen Motiven auch immer â zugeben. Alles andere lĂ€uft im konkreten Fall der Ukraine auf eine Niederlage und Zerstörung der ukrainischen Zivilgesellschaft hinaus. Was wiederum eine Eskalation von Kriegen von Putins BrĂŒdern im Geiste â beispielsweise Erdogan gegen die kurdische Bevölkerung â begĂŒnstigen kann.
Daraus folgt: es gilt eine dreifache SolidaritĂ€t mit den kĂ€mpfenden LohnabhĂ€ngigen â den Arbeitenden â in der Ukraine zu entwickeln:
- Mit ihrem Widerstand gegen den russischen Imperialismus, der mit seinen Besatzungstruppen das groĂrussische Reich wiederherstellen will.
- Mit ihrem Widerstand gegen die unsoziale und repressive Politik der Selenskyj-Regierung, beispielsweise gegen die neoliberalen Arbeitsmarktreformen.
- Mit ihrem Widerstand gegen die PlĂŒnderung der gesellschaftlichen Ressourcen (u.a. billige Arbeit, Landwirtschaftsland, Natur) durch Konzerne aus Westeuropa und den USA.
Das europĂ€ische SolidaritĂ€tsnetzwerk mit der Ukraine macht genau das.[2] Es stellt keineswegs die Forderung in den Vordergrund, dass die Regierungen Waffen an die Ukraine liefern sollen, aber es stellt sich diesen Waffenlieferungen bewusst nicht entgegen, weil es den Widerstand fĂŒr legitim hĂ€lt und damit steht es im Einklang mit Gewerkschaften, feministischen und LBTGQ-Initiativen, Umweltgruppen und antiautoritĂ€ren und demokratisch sozialistischen Organisationen in der Ukraine, die konkrete Basisarbeit machen, Hilfskonvois organisieren, etc. Diese gesellschaftlichen KrĂ€fte sind die Partner:innen fĂŒr emanzipatorische und solidarische Politik.
Ingar Solty hat bewusst die Junge Welt fĂŒr seine Polemik ausgewĂ€hlt. Das ist eine Zeitung der Freund:innen des geopolitischen Blockdenkens und des Kriegsherrn im Kreml, dessen Reden sie mit freundlichem VerstĂ€ndnis abdruckt. Genau da passt der Beitrag auch hin. Ingar Solty schreibt, dass die Ukraine ein vom Westen abhĂ€ngiger Staat sei, der âkaum weniger autoritĂ€r und oligarchenkapitalistisch als der Nachbar Russlandâ sei. Damit lĂ€sst er erkennen, dass ihm die Unterscheidung zwischen autoritĂ€rer Diktatur einer imperialistischen Macht, die weiterhin Gebiete in ihrem Inneren und an ihren RĂ€ndern als Kolonialgebiete behandelt, und einer korrupten parlamentarischen Demokratie, eines nicht imperialistischen Staates, völlig belanglos erscheint.
Ja, die USA und andere europĂ€ischen Regierungen nutzen jetzt diesen Krieg, um Russland zu schwĂ€chen. Das ist der imperialistische Normalzustand und keine besondere Erkenntnis. Das Ă€ndert aber nichts daran, dass der Widerstand der ukrainischen LohnabhĂ€ngigen â obgleich in der bĂŒrgerlichen Armee - gegen eine Besatzungsdiktatur legitim ist und daher von uns auch unterstĂŒtzt soll. Ja, die westlichen Regierungen liefern einigermaĂen wirksame Waffen an die Ukraine â allerdings sehr selektiv und wohl dosiert. Wenn sie das nicht gemacht hĂ€tten, gĂ€be es eine russische Besatzungsdiktatur, und es gĂ€be auch keine Zivilgesellschaft, keine Gewerkschaften und keine linken und feministischen Gruppen mehr in der Ukraine. Das weiĂ auch Ingar Solty. WĂŒrde er rĂŒckblickend seine Ablehnung von Waffenlieferungen vom letzten FrĂŒhjahr immer noch richtig finden?
Unter den Bedingungen einer besetzten Ukraine wĂŒrden wir jetzt ĂŒber die Versorgung von einigen Millionen mehr FlĂŒchtlingen diskutieren und ob, eine ukrainische Partisanenarmee vielleicht doch die StabilitĂ€t in Europa gefĂ€hrdet.
Ja, die US-Luftwaffe hat entscheidend dazu beigetragen, Kobane in Nordsyrien zu verteidigen. Ohne amerikanische Truppen, hĂ€tten die SDF den Islamischen Staat nicht aus Raqqa vertrieben. Konsequenterweise mĂŒsste Ingar Solty schreiben, dass es falsch Kobane war, mit Hilfe der USA zu verteidigen. Oder ist das auch Ausdruck einer Aporie?
Ingar Solty rĂ€t den linken UnterstĂŒtzer:innen des ukrainischen Widerstands zynischer- und absurderweise internationale Kampfbrigaden zu bilden. Erst damit wĂŒrden sie ihre Ernsthaftigkeit unter Beweis stellen. Zwei kurze Antworten: Es gibt keine sozialen KrĂ€fte in der Ukraine, die sich so etwas wĂŒnschen. Zweitens ist es offensichtlich, dass derartige Brigaden gegen die russische Artilleriewalze und Raketenflut nicht die angemessene Antwort wĂ€ren.
Ja, die Eskalation des Krieges ist ein Problem. Wichtig ist jedoch zu verstehen, wie diese Frage in der ukrainischen Gesellschaft diskutiert wird. Gilbert Achcar hat hierzu einige nĂŒtzliche Ăberlegungen angestellt. Die westeuropĂ€ische Linke mĂŒsste gemeinsam mit den sozialen KrĂ€ften in der Ukraine solidarisch ĂŒber Wege diskutieren, wie der Eskalationsspirale zu entkommen ist [3]. Aber die Entsolidarisierung vom Widerstand hilft nicht die Eskalation zu stoppen, sondern ermuntert die Putin-Diktatur ihre Eskalation weiterzutreiben.
Wer meine Argumente ausfĂŒhrlicher kennenlernen will, kann gerne den Diskussionsbeitrag âEntsolidarisierungâ mit einer Kritik an der LINKEN, einigen ihrer Strömungen, und an Wagenknecht lesen. [4]
Das erwÀhnte European Network for Solidarity with Ukraine [2] zeigt, dass die Diskussion international etwas differenzierter und fruchtbarer ist als die wiederholten Diffamierungskampagnen geopolitischer Linksstrategen und der Jungen Welt.
Notes
[1] https://www.jungewelt.de/artikel/445935.linker-bellizismus-knoten-im-kopf.html
[2] https://ukraine-solidarity.eu/
[3] https://emanzipation.org/2023/02/unterstuetzung-ohne-blankoscheck/