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Die US-Linke und der Krieg in der Ukraine

Die US-Linke und der Krieg in der Ukraine

Date
21/02/2023
www
https://emanzipation.org/2023/02/die-us-linke-und-der-krieg-in-der-ukraine/
Author

Dan La Botz

Dan La Botz, Gewerkschaftsaktivist und Redakteur der Zeitschrift New Politics, zeichnet die Positionen der politischen Linken in den Vereinigten Staaten nach.

1. Amerikanische Politik und Außenpolitik

Die amerikanische Bevölkerung unterstĂŒtzt im Großen und Ganzen die Ukraine in ihrem Kampf um ihre SouverĂ€nitĂ€t gegen Russland. Laut einer aktuellen Umfrage unterstĂŒtzen zwei Drittel der Amerikaner:innen die RĂŒckgewinnung des ukrainischen Territoriums. Achtzig Prozent der Demokrat:innen unterstĂŒtzen die Ukraine, aber die meisten Republikaner:innen wĂŒnschen sich ein baldiges Ende des Konflikts, selbst wenn dies bedeutet, dass die Ukraine Gebiete an Russland abtreten muss.

Das konservative und antidemokratische politische System der USA und die langjĂ€hrige Vorherrschaft der kapitalistischen Demokratischen und der Republikanischen Partei, von denen sich letztere in letzter Zeit zu einer rechtsextremen Partei entwickelt hat, haben dafĂŒr gesorgt, dass die Linke schwach ist. Bei Wahlen gibt es praktisch keine nennenswerte Opposition zu den beiden großen Parteien. Die Demokraten und die Republikaner sind keine disziplinierten Parteien, sie sind von Spaltungen zerrissen, und einige Demokrat:innen halten sich fĂŒr progressiv oder sozialistisch. Ein Drittel der WĂ€hler:innen bezeichnet sich als UnabhĂ€ngige, die bei Wahlen entweder fĂŒr die Republikaner oder die Demokraten stimmen können. Die Parteien der Wahllinken – GrĂŒne Partei, Peace and Freedom Party (in Kalifornien), Socialist Workers Party und Socialist Party – erhalten nur einen winzigen Prozentsatz der WĂ€hler:innenstimmen. Die Kommunistische Partei der USA hat seit den 1990er Jahren keine Kandidat:innen mehr aufgestellt.

Historisch gesehen hatten die Republikaner und Demokraten nach dem Zweiten Weltkrieg zwanzig Jahre lang keine grundlegenden politischen Differenzen in der Außenpolitik. Der Grundsatz lautete: Die Politik endet an der US-amerikanischen KĂŒste. Differenzen traten jedoch wĂ€hrend des Vietnamkriegs und spĂ€ter wĂ€hrend des Afghanistan- und des Irakkriegs auf, und dann insbesondere wĂ€hrend der PrĂ€sidentschaft Trumps. Trump forderte ein Ende der endlosen Kriege, einen Bruch der Vereinigten Staaten mit ihren europĂ€ischen VerbĂŒndeten in der NATO und der EU und Ă€ußerte seine Bewunderung fĂŒr Wladimir Putin, den autoritĂ€ren Staatschef Russlands, das in der Nachkriegszeit der Hauptgegner der USA gewesen war.

Im Inland machte Trump die Wirtschaftspolitik Chinas, muslimisch-arabische Terrorist:innen und die lateinamerikanische Einwanderungspolitik fĂŒr die Probleme der USA verantwortlich. Mit seinem “America First”-Programm verĂ€nderte er die internationalen Beziehungen der USA dramatisch. (Er drohte mit dem Austritt aus der NATO, verließ die Transpazifische Partnerschaft, kĂŒndigte das Pariser Klimaabkommen, zog sich aus dem Atomabkommen mit dem Iran zurĂŒck und trat aus der Weltgesundheitsorganisation, der UNESCO und dem UN-Menschenrechtsrat aus.) Er war auch kurz davor, einen Atomkrieg mit Nordkorea auszulösen, hat sich dann aber in Kim Jong-un “verliebt”. Die außenpolitischen Beziehungen wurden chaotisch.

PrĂ€sident Joe Biden, der hofft, sich der Herausforderung Chinas stellen zu können, ist zur traditionellen imperialen Politik der USA zurĂŒckgekehrt und versucht, das NATO-BĂŒndnis und die Beziehungen zur EU wiederherzustellen, insbesondere durch die UnterstĂŒtzung des Verteidigungskriegs der Ukraine gegen die russische Invasion. Außerdem arbeitet er am Aufbau eines asiatischen BĂŒndnisses mit Japan, Australien, SĂŒdkorea, Vietnam, den Philippinen und Thailand, Indien und anderen. Lateinamerika, das einst relativ leicht von den Vereinigten Staaten dominiert wurde, ist politisch zersplittert und einige LĂ€nder suchen nach anderen auslĂ€ndischen VerbĂŒndeten, wĂ€hrend China zum zweitgrĂ¶ĂŸten Investor des Kontinents geworden ist.

Außenpolitik steht nur selten ganz oben auf der PrioritĂ€tenliste der amerikanischen Bevölkerung. Wirtschaftliche Sorgen, derzeit die Inflation, Abtreibung (wegen der Aufhebung des Urteils Roe v. Wade), Schusswaffen oder KriminalitĂ€t stehen weiter oben auf der Liste. Laut einer aktuellen und Ă€ußerst zuverlĂ€ssigen Umfrage unterstĂŒtzen die Amerikaner:innen beider großer Parteien mit ĂŒberwĂ€ltigender Mehrheit das Recht der Ukraine, ihre SouverĂ€nitĂ€t zu verteidigen und ihr Territorium zurĂŒckzuerobern. Die Abstimmung im US-Kongress ĂŒber die MilitĂ€rhilfe fĂŒr die Ukraine fiel mit 86 zu 11 Stimmen im Senat und 368 zu 57 Stimmen im ReprĂ€sentantenhaus aus. Die Nein-Stimmen wurden von Republikaner:innen abgegeben, die der extremen Rechten zuzurechnen sind.

Es sollte erwĂ€hnt werden, dass es in den Vereinigten Staaten in einigen StĂ€dten große ukrainische Gemeinden gibt. Seit Beginn des Krieges organisierten diese Gemeinden große Protestdemonstrationen gegen die russische Invasion. Über ihre Kirchen und sozialen Organisationen leisten die ukrainischen Amerikaner:innen materielle Hilfe fĂŒr die Ukraine. Es gibt nur sehr wenige Verbindungen zwischen der ukrainischen Gemeinschaft und der US-Linken.

2. Die unmittelbare Situation der Linken und der Ukraine

Das Spektrum der amerikanischen Linken reicht vom linken FlĂŒgel der Demokratischen Partei ĂŒber die linken Wahlparteien (GrĂŒne, P&F usw.), die sozialistischen Organisationen und Sekten bis hin zu den sozialen Bewegungen. Die US-amerikanische Arbeiter:innenbewegung kann nicht zur Linken gezĂ€hlt werden, da sie im Allgemeinen keine linken Positionen vertritt und sich nicht an sozialen Bewegungen beteiligt oder mit ihnen solidarisiert. Die FĂŒhrer:innen der Linken der Demokratischen Partei, die sich selbst als sozialistisch bezeichnen, Senator Bernie Sanders und die als “the Squad” (die Truppe) bekannten Kongressabgeordneten – Alexandria Ocasio-Cortez, Ilhan Omar, Ayanna Pressley, Rashida Tlaib, Jamaal Bowman, Cori Bush – haben alle fĂŒr die GesetzentwĂŒrfe zur Finanzierung der MilitĂ€rhilfe fĂŒr die Ukraine gestimmt.

Die grĂ¶ĂŸte organisierte sozialistische Gruppe in den Vereinigten Staaten sind die Democratic Socialists of America (DSA), die nach eigenen Angaben 90.000 Mitglieder haben. Die DSA sind keine politische Partei und stellen keine Kandidat:innen fĂŒr ein Amt auf, aber sie unterstĂŒtzen Kandidat:innen, von denen die meisten fĂŒr unabhĂ€ngige Positionen oder als Demokrat:innen kandidieren. Die DSA haben sich als unfĂ€hig erwiesen, ernsthafte politische Diskussionen und Debatten zu organisieren, so dass es schwierig ist, herauszufinden, was ihre Mitglieder tatsĂ€chlich ĂŒber viele Themen denken. Die DSA haben sich jedoch gegen den Einmarsch Russlands in die Ukraine ausgesprochen, lehnen aber auch MilitĂ€rhilfe fĂŒr die Ukraine ab. Die DSA unterstĂŒtzen weder die Selbstbestimmung der Ukraine noch ihr Recht, ihre territoriale IntegritĂ€t zu schĂŒtzen. Die Kommunistische Partei, die zweitgrĂ¶ĂŸte linke Organisation in den Vereinigten Staaten, hat eine Ă€hnliche Position eingenommen: Sie kritisiert den Einmarsch Russlands, lehnt aber ebenfalls weitere militĂ€rische UnterstĂŒtzung fĂŒr die Ukraine ab. Andere kleinere linke Organisationen wie die Party of Socialism and Liberation vertreten eine Ă€hnliche Position, auch wenn sie zur UnterstĂŒtzung Russlands tendieren. Bei den kleineren Organisationen der trotzkistischen Linken findet man das Argument, dass die USA und die NATO fĂŒr den Krieg verantwortlich sind, manchmal ohne Kritik an Russland. Wie man sieht, sind campistische und sogar neostalinistische Politiken in der amerikanischen Linken heute weit verbreitet.

Andere Gruppen lehnen die russische Invasion ab und unterstĂŒtzen die russische Antikriegsbewegung, betrachten den Krieg jedoch als einen interimperialistischen Konflikt und kritisieren, dass die Ukraine Waffen aus anderen LĂ€ndern annimmt.

Jacobin, die auflagenstĂ€rkste Publikation und Website des Landes, verurteilte zwar zunĂ€chst die russische Invasion, wies aber vor allem auf die Verantwortung der USA und der NATO fĂŒr den Krieg hin und sagte voraus, dass die an die Ukraine gelieferten Waffen in die HĂ€nde von Neonazis gelangen wĂŒrden. In jĂŒngster Zeit hat die Zeitschrift Artikel ukrainischer Sozialist:innen veröffentlicht, die sowohl Russland bekĂ€mpfen als auch Widerstand gegen die neoliberale und arbeiterfeindliche Agenda des ukrainischen PrĂ€sidenten Wolodymyr Selenskyj leisten.

Noam Chomsky, Amerikas bekanntester Linker, hat die russische Invasion in der Ukraine scharf verurteilt – er verglich sie mit dem Vorgehen der Vereinigten Staaten im Irak und mit dem Einmarsch Hitlers und Stalins in Polen –, neigt aber dazu, die Hauptverantwortung fĂŒr den Krieg den USA und der NATO zuzuschieben. Es ist unklar, wie er zu dem Recht der Ukraine steht, Waffen zur Selbstverteidigung zu erhalten.

Die anarchistische Linke hat die russische Invasion verurteilt und unterstĂŒtzt den Kampf der Ukraine gegen Russland, lehnt aber alle Staaten und deren Beteiligung ab.

Es gibt auch eine kleine Tendenz fĂŒr einen „Sozialismus von unten“, die in mehreren Zeitschriften und Gruppen vertreten ist – Solidarity/Against the Current, Tempest, Spectre, New Politics und Internationalism from Below –, die sich auf die Seite der Ukraine gegen Russland stellt und das Recht der Ukraine verteidigt, Waffen zu beschaffen, wo immer sie kann. Die Tendenz fĂŒr einen “Sozialismus von unten” unterstĂŒtzt auch russische Antikriegsaktivist:innen.

Die Antikriegsbewegung

Im zwanzigsten und frĂŒhen einundzwanzigsten Jahrhundert gab es in den Vereinigten Staaten zeitweise große und mĂ€chtige Antikriegsbewegungen: gegen den Krieg in Vietnam in den 1960er und 1970er Jahren, gegen die US-Intervention in Mittelamerika in den 1980er Jahren und gegen den US-Krieg in Afghanistan und im Irak. An den Protestdemonstrationen beteiligten sich oft Zehn- oder sogar Hunderttausende. Diese Bewegungen entwickelten einen politischen Standpunkt, der die Außenpolitik des US-Außenministeriums, die Operationen der CIA sowie Militarismus und Krieg verurteilte. Zuweilen brachten diese Bewegungen auch ihre SolidaritĂ€t mit den Nationen und Völkern zum Ausdruck, die vom US-Imperialismus angegriffen wurden. In den 2000er Jahren wurden diese Bewegungen von einer Gruppe namens Act Now to Stop War and End Racism (ANSWER) angefĂŒhrt, in deren Zentrum die Workers World Party und spĂ€ter eine Abspaltung von ihr namens Party of Socialism and Liberation standen, die beide eine stalinistische Politik verfolgten. Als Barack Obama zum PrĂ€sidenten gewĂ€hlt wurde und ein Parteitag der Demokraten versprach, die Kriege in Afghanistan und im Irak zu beenden, gingen die Antikriegsbewegungen zurĂŒck.

Es gibt nur noch eine kleine Antikriegsbewegung in den USA, vielleicht ein paar hundert lokale Organisationen mit insgesamt nur Hunderten von Mitgliedern. Sie halten weiterhin an der historischen Opposition gegen den US-Imperialismus fest, verurteilen aber nicht die imperialistischen Kriege anderer Nationen. Die mehrheitlich weiße Friedensbewegung scheut sich, LĂ€nder des Ostens oder des globalen SĂŒdens zu kritisieren, deren Bevölkerung aus People of Color besteht. Diese Reste der Antikriegsbewegung haben sich daher, von einigen Ausnahmen abgesehen, tendenziell zu einer campistischen Bewegung entwickelt, die die USA ablehnt und mit LĂ€ndern sympathisiert, die sich den USA widersetzen, selbst wenn diese autoritĂ€r sind, wie Russland, China, der Iran und Syrien.

Die wichtigste der aktuellen Antikriegsgruppen ist Code Pink: Women for Peace, die zu Diplomatie, sofortigen Verhandlungen und Frieden jetzt aufruft und MilitĂ€rhilfe fĂŒr die Ukraine ablehnt. Code Pink hat an der GrĂŒndung der Peace in Ukraine-Koalition mitgewirkt. Eine andere Gruppe, die kleine Gewerkschaftsgruppe U.S. Labor Against War, die einen Ă€hnlichen politischen Ursprung in der Opposition gegen US-Kriege in der Vergangenheit hat, ist ebenfalls gegen die militĂ€rische UnterstĂŒtzung durch die USA.

Was ist mit den Gewerkschaften?

Praktisch alle US-Gewerkschaften unterhalten enge Beziehungen zur Demokratischen Partei und folgen deren politischer FĂŒhrung, und wenn die Demokraten die Exekutivgewalt innehaben, bedeutet dies, dass die US-Gewerkschaften ihre Vorgaben vom US-Außenministerium erhalten. In der Tat gibt es eine lange Geschichte der Zusammenarbeit des US-Außenministeriums und der CIA mit den Gewerkschaften bei AktivitĂ€ten in Ausland. Die US-Gewerkschaften haben mit der US-Regierung nicht wegen Vietnam, Mittelamerika, Afghanistan oder Irak gebrochen. Daher ist es heute nicht ĂŒberraschend, dass die AFL-CIO, der grĂ¶ĂŸte Gewerkschaftsverband, die Position der Regierung Biden zur UnterstĂŒtzung der Ukraine teilt und ihre SolidaritĂ€t mit den ukrainischen Gewerkschaften zum Ausdruck bringt. Staatliche und lokale Gewerkschaftsorganisationen erörtern nur selten außenpolitische Fragen, es sei denn, sie wirken sich direkt auf die BeschĂ€ftigungssituation aus, wie etwa in der RĂŒstungsindustrie. Nur selten werfen die Basisgruppen außenpolitische Fragen auf.

3. Der politische Kampf um die Ukraine

Nach den US-Kriegen in Vietnam, Mittelamerika, Afghanistan und Irak ist die Linke im Allgemeinen antimilitĂ€risch, gegen den Krieg, gegen die CIA und das Außenministerium sowie gegen die NATO eingestellt. Diese Geschichte hat die Linke fĂŒr die Entwicklung campistischer Ansichten prĂ€disponiert. Es gibt jedoch auch eine aktive campistische und neostalinistische Linke, die in verschiedenen Organisationen vertreten ist und die Verteidigung des Selbstbestimmungsrechts der Ukraine ablehnt und autoritĂ€ren FĂŒhrer:innen, Parteien und Staaten zugeneigt ist.

Diejenigen von uns, die sich in den Organisationen und Zeitschriften fĂŒr einen Sozialismus von unten engagieren, verfĂŒgen derzeit nicht ĂŒber eine breite gesellschaftliche Basis, die es uns ermöglichen wĂŒrde, auf die Entwicklungen Einfluss zu nehmen. Deshalb haben wir uns der Bildungsarbeit zugewandt, indem wir Artikel veröffentlicht und virtuelle Podiumsdiskussionen organisiert haben. Wir versuchen, mit der ukrainischen sozialistischen Organisation Sotsialniy Rukh und der ukrainischen Zeitschrift Commons zusammenzuarbeiten, indem wir ihre Aktivist:innen interviewen und einige ihrer Artikel auf unseren Websites veröffentlichen. Wir haben auch bescheidene BeitrĂ€ge zur materiellen Hilfe geleistet.

Der Artikel erschien ursprĂŒnglich auf Englisch in Posle, einer Online-Publikation linker russischer Oppositioneller und wurde von Harald Etzbach fĂŒr emanzipation ĂŒbersetzt. Bildquelle: Posle