Eine Revolution in Russland ist möglich

Date
23/02/2024
Author

Mikhail Lobanov

Mitte Februar erreichten uns im Laufe dreier Tage zwei sehr schlechte Nachrichten, die die politische Landschaft Russlands stark beeinflussen werden. ZunĂ€chst Ă€nderte das Berufungsgericht das Urteil gegen den linken Intellektuellen Boris Kagarlitsky – eine Geldstrafe von 600.000 Rubel (ca. 6.000 Euro) wurde plötzlich in eine fĂŒnfjĂ€hrige Haftstrafe umgewandelt. Der Wissenschaftler wurde direkt im Gerichtssaal verhaftet. Am letzten Freitag erschĂŒtterte die Welt dann die Nachricht vom unerwarteten Tod Alexej Nawalnys in einer Strafkolonie jenseits des Polarkreis. Es kann durchaus sein, dass in zukĂŒnftigen RĂŒckblicken diese beiden Ereignisse als Beginn einer neuen Dimension der Repressalien des Kremls gegen die russische Gesellschaft bewertet werden.

Auch um den Preis ungerechter ZugestÀndnisse an Putin auf Kosten der Interessen der Ukraine und weiterer LÀnder kann man vom Kreml keinen echten Frieden erhalten.

Die Reaktionen auf die beiden Ereignisse bzw. ihr Ausbleiben sind eng mit der Perspektive auf eine Beendigung oder Fortsetzung des Krieges in der Ukraine verknĂŒpft. Wie in solchen politischen FĂ€llen ĂŒblich versucht der Kreml, der Öffentlichkeit Narrative vorzugeben oder sogar aufzuzwingen. Diese Narrative mĂŒssen wir durchschauen, um sie bekĂ€mpfen zu können.

Die erste Tatsache, die wir verstehen und akzeptieren sollten: Der Krieg in der Ukraine kann realistischerweise nur nach einem tiefgreifenden politischen Wandel in Russland beendet werden. Auch um den Preis ungerechter ZugestÀndnisse an Putin auf Kosten der Interessen der Ukraine und weiterer LÀnder kann man vom Kreml keinen echten Frieden erhalten. Wir werden nur eine kleine Pause erreichen, bevor es mit einem neuen Kriegszug weitergeht.

Eine zweite Tatsache, ohne die die erste Feststellung nur zu unangemessener Verzweiflung fĂŒhrt: Eine Revolution oder ein tiefgreifender politischer Wandel in Russland ist mittelfristig möglich. DafĂŒr gibt es drei wesentliche Voraussetzungen:

  • Die Unzufriedenheit mit der Innenpolitik des Kremls und mit der eigenen, vulnerablen Situation auf allen Ebenen der russischen Gesellschaft, mit Ausnahme eines kleinen Prozentteils der Reichen und der Abgesicherten;
  • Die PrĂ€senz einer ausreichend großen Zahl an Menschen mit Erfahrung in unabhĂ€ngiger oder sogar oppositioneller Arbeit. Das sind die kĂŒnftigen Aktivist*innen einer breiten Volksbewegung, die das Land verĂ€ndern und die derzeitige Spitze, die den Reichtum und die Macht an sich gerissen hat, beseitigen wird. Besonders viele Menschen mit aktiver politischer Erfahrung zĂ€hlen zur jĂŒngeren Generation, in der linksdemokratische Ansichten ĂŒberaus verbreitet sind.
  • Eine Reihe von Fehlern und Verbrechen der russischen Regierung, die mit der Aggression am 24. Februar 2022 begonnen haben, machen politische Krisen in Russland faktisch unvermeidlich. Die Meuterei von Prigoschin war das erste Anzeichen dafĂŒr.

An der ersten dieser Voraussetzungen – der Massenunzufriedenheit mit dem Leben in Russland und der Innenpolitik Putins – kann weder die Regierung noch jemand anderes etwas Ă€ndern. In Russland herrscht eines der radikalsten liberal-konservativen Regime weltweit. Die Ideologie des Marktes, schreiende wirtschaftliche Ungleichheit, die vulnerable und abhĂ€ngige Lage einer großen Mehrheit und der irrsinnige Luxus einer Minderheit sind die Grundlage, auf der das Regime steht und die es nicht aufgeben wird, selbst wenn es sich am Rande des Abgrunds befindet. Mit dem Volk werden sie nicht «teilen».

Gegen die zweite und dritte Voraussetzung kann der Kreml aber selbst etwas tun. Der aktive Teil der Gesellschaft, der Erfahrung im kollektiven Zusammenwirken hat, kann eingeschĂŒchtert und demoralisiert werden. Dazu dienen solche fabrizierten Ermittlungen wie im Falle von Kagarlitsky und der politisch motivierte Mord an Nawalny. Manchmal treten auch europĂ€ische Beamte und Politiker*innen als unfreiwillige VerbĂŒndete Putins auf und demoralisieren den aktiven Teil der russischen Gesellschaft zusĂ€tzlich. NĂ€mlich dann, wenn aus irgendwelchen Überlegungen heraus das Leben von politischen Aktivist*innen, die vor Repressionen und Mobilisierung geflohen sind, erschwert und verkompliziert wird. So werden auch Fluchtwege fĂŒr diejenigen geschlossen, die in Zukunft gefĂ€hrdet sein werden.

Um politischen Krisen zu entfliehen, sucht der Kreml nach willigen oder unfreiwilligen VerbĂŒndeten in Europa und Amerika. Sie sollen mit Desinformation oder mit offener Korruption die BĂŒrger*innen ihrer LĂ€nder und die eigenen Regierungen ĂŒberzeugen, dass ungerechte ZugestĂ€ndnisse an Putin unumgĂ€nglich seien. Damit lassen sie ihn aus der aussichtslosen Lage herauskommen, um Luft zu holen und mit neuen KrĂ€ften die militĂ€rische Aggression fortzusetzen.

Wie geht die vielschichtige russische Propaganda mit Fragen um, die fĂŒr den Kreml unbequem sind? Sei es das im Sommer 2014 ĂŒber der Ukraine abgeschossene Verkehrsflugzeug MH17, sei es jetzt die Ermordung Nawalnys oder die strafrechtliche Verfolgung des Publizisten Kagarlitsky oder des Mathematikers Asat Miftachov. Es fĂ€ngt damit an, dass ĂŒber verschiedene InformationskanĂ€le – von den offiziellen Massenmedien bis hin zu angeblich vom Kreml unabhĂ€ngigen Meinungsbildnern – gleich mehrere Gegenversionen angeboten werden, um vom tatsĂ€chlichen Geschehen abzulenken. Eine einzige Gegenversion kann öffentlich entlarvt werden, aber mit der Entlarvung eines ganzen Schwarms solch falscher, hingeworfener Versionen wird sich niemand beschĂ€ftigen. Im Endeffekt bleibt der Eindruck, dass es viele Versionen und unterschiedliche Meinungen gibt und dass die «echte Wahrheit» sowieso nie ans Licht kommen wird.

Das Aufgreifen der Kreml-Narrative im Ausland trÀgt zur Demoralisierung der russischen Zivilgesellschaft bei.

Unter den vom Kreml angebotenen Standardversionen befinden sich immer solche, die diejenigen beschuldigen, die einen unmittelbaren politischen Nutzen haben könnten: «Cui bono?» lautet die Frage. Vom Abschuss der Boeing 777 durch Pro-Putin-KrĂ€fte habe die ukrainische Regierung profitiert – also wirft der Kreml die Version ein, dass Kyjiw es getan haben mĂŒsse. Die Ermordung von Nawalny fĂŒhrt zu einer weltweiten Welle der Kritik an Putin. Das sei gĂŒnstig fĂŒr die Regierungen in den USA und in Westeuropa, ebenso fĂŒr die NATO, also hĂ€tten sie es durch ihre Geheimagenten in Russland getan. Bei Aufmerksamkeit erregenden politischen FĂ€llen – wie denen von Kagarlitsky oder Miftachov – wird die ErzĂ€hlung angeboten, dass der Angeklagte sich anderweitig schuldig gemacht habe und das Gericht ihn deswegen verurteilen mĂŒsse.

Deswegen ist es immer wichtig, die Narrative des Kremls nachzuverfolgen, die die politischen Repressionen und Verbrechen begleiten. Das Aufgreifen dieser Narrative und ihre unbewusste Reproduktion seitens politischer und gesellschaftlicher KrĂ€fte in den verschiedenen LĂ€ndern außerhalb Russlands trĂ€gt zur Demoralisierung der russischen Zivilgesellschaft bei und hilft somit Putin, politischen Krisen auszuweichen. Das bedeutet dann, dass der Perspektive einer Revolution oder eines tiefgehenden politischen Wandels in Russland entgegengewirkt wird, was die einzige Möglichkeit ist, den kriegerischen Konflikt in der Ukraine friedlich, dauerhaft und gerecht zu beenden.

Aus diesem Grund möchte ich an einige Fakten und Wahrheiten erinnern:

Der linke Intellektuelle Boris Kagarlitsky soll jetzt fĂŒr nichts fĂŒnf Jahre im GefĂ€ngnis sitzen. Er war ĂŒberaus vorsichtig und hat niemand anderen gefĂ€hrdet. Er ist lediglich öffentlich aufgetreten, um seine Stimme gegen den Krieg zu erheben. Allein die Tatsache, dass im Dezember 2023 ein russisches Gericht ihn in diesem fiktiven Fall von «Rechtfertigung von Terrorismus» zu einer Geldstrafe und nicht zu mehreren Jahren GefĂ€ngnis verurteilt hatte, spricht fĂŒr seine Unschuld. Nun wurde das Urteil revidiert und Kagarlitsky ins GefĂ€ngnis zurĂŒckgebracht aus dem einfachen Grund, dass er sich weigerte, aus Russland auszureisen. Dazu aber hat er alles Recht.

Alexej Nawalny auf Befehl Putins zu vergiften, wurde bereits im August 2020 versucht. In den letzten Jahren haben der Kreml und die SicherheitskrĂ€fte Schritt fĂŒr Schritt alles Mögliche unternommen, um Nawalny von seiner Familie, seinen AnwĂ€lten und der Welt zu isolieren. Nun verwischt der Kreml alle Spuren, der Leichnam wird nicht an die Familie ĂŒbergeben. Wenn die russischen Machthaber den Tod Nawalnys nicht gewollt und nicht verschuldet hĂ€tten, wĂŒrden sie anders handeln. Dann hĂ€tte Nawalny in all diesen Jahren unter anderen Bedingungen gelebt, er wĂ€re von vertrauten und unabhĂ€ngigen Ärzt*innen behandelt worden. An den Ermittlungen zur Todesursache hĂ€tte von Anfang an ein internationales Ärzteteam gearbeitet. Wir wissen, dass das ein politischer Mord an einem wichtigen politischen Gegner war.

Ich rufe jeden dazu auf, seine Haltung und Handlungen hinsichtlich der Ereignisse in Russland damit abzugleichen, welche Auswirkungen sie auf die russische Zivilgesellschaft und damit die Chancen des Kremls, den zukĂŒnftigen Krisen zu entkommen, haben werden. Ich rufe zu möglichst breiter SolidaritĂ€t mit allen politischen Gefangenen und Kriegsgegner*innen auf. Die Projekte russischer Aktivist*innen und diese selbst sollten unterstĂŒtzt werden. Das ist nicht so schwierig und kostet nur einen Bruchteil dessen, was «fĂŒr die Sicherheit» aufgebracht werden muss. Hier gibt es keine ethischen Dilemmata. Das ist aber ein wichtiger Beitrag fĂŒr einen politischen Umbruch in Russland und damit fĂŒr den Frieden in der Ukraine und in Europa.

Eine Revolution in Russland ist möglich