Christian Zeller
Kritik zweier offener Briefe an Bundeskanzler Scholz
Die öffentliche Diskussion ĂŒber die Politik Deutschlands gegenĂŒber dem russischen Besatzungskrieg verlĂ€uft ausgesprochen kontrovers. Die Positionen verlaufen oftmals quer und durch die etablierten politischen Lager hindurch. Die Debatte wird auch ĂŒber offene Briefe an die Regierung ausgetragen. Im diesem Beitrag erweitere ich meine in der Berliner Zeitung am 28. April publizierte Kritik an einem dieser offenen Briefe.[1] Die Diskussion schneidet fĂŒr die Entwicklung transnationaler SolidaritĂ€t zentrale Fragen an.
Am 22. April forderten 18 Persönlichkeiten aus Wissenschaft, Politik und Kultur â darunter Daniela Dahn, JĂŒrgen GrĂ€sslin, Mohssen Massarrat, Norman Paech und Konstantin Wecker â in einem in der Berliner Zeitung veröffentlichten offenen Brief an Bundeskanzler Scholz die Waffenlieferungen an die Ukraine zu stoppen.[2] Mit ihrem am 29. April in der Zeitschrift Emma publizierten offenen Brief an Bundeskanzler Scholz erzielen 28 Intellektuelle und KĂŒnstler:innen eine beachtliche Breitenwirkung. Dabei argumentieren sie noch allgemeiner und oberflĂ€chlicher als die Autor:innen des ersten offenen Briefes. Den zweiten offenen Brief unterschrieben auf der Plattform Change.org bis zum 10. Mai immerhin fast 270 000 Personen. Darin wird Scholz aufgefordert, sich auf seine ursprĂŒngliche Haltung zu besinnen und keine Lieferungen schwerer Waffen an die Ukraine zuzulassen.[3]
Problematisch an beiden offenen Briefen ist weniger, dass sie sich gegen Waffenlieferungen an die Ukraine aussprechen, sondern dass sie keine Empathie fĂŒr den Widerstand der ukrainischen Bevölkerung gegen den russischen Besatzungskrieg zeigen und aus einem verengten Blick der nun scheinbar gefĂ€hrdeten Sicherheit in Deutschland argumentieren. Sie beanspruchen ĂŒber die Köpfe der Angegriffenen, Vertriebenen und WiderstĂ€ndigen hinweg zu wissen, was gut oder schlecht fĂŒr diese sei. Im Kern fordern beide Briefe, die ukrainische Bevölkerung mĂŒsse nun ihre SouverĂ€nitĂ€t fĂŒr die Erhaltung des Weltfriedens opfern. Dies ist weit entfernt von einer solidarischen Position. Beide Briefe verharmlosen und dulden letztlich den russischen Imperialismus.
FĂŒhrt ein Waffen lieferndes Land Krieg?
In einem Moment, in dem das NATO-Land TĂŒrkei die kurdische Bevölkerung im Irak und Syrien groĂflĂ€chig mit Luftangriffen und schwerer Artillerie terrorisiert, fordern die Unterzeichnenden der beiden offenen Briefe nicht etwa den Stopp der Waffenlieferung an die TĂŒrkei. Die Unterzeichnenden kritisieren auch nicht die umfangreichen Waffenexporte Deutschlands an die Diktatur in Saudi-Arabien, die die Bevölkerung im Nachbarland Jemen massakriert. Sie protestieren vielmehr gegen die Waffenlieferungen an die Ukraine, die sich seit ĂŒber zwei Monaten ĂŒberraschend erfolgreich den russischen Invasions- und Besatzungstruppen entgegenstellt. Die beiden offenen Briefe erklĂ€ren sich nicht solidarisch mit der kurdischen Bevölkerung und ihrer Befreiungsbewegung oder den Vergessenen im Jemen, sondern sie empfehlen den Menschen in der Ukraine sich der russischen Ăbermacht zu ergeben und eine militĂ€rische Besatzungsdiktatur zu akzeptieren. WĂ€hrend der erste offene Brief die Irrungen wesentlicher Teile der deutschen Friedensbewegung offenbart, drĂŒckt der eine Woche spĂ€ter publizierte offene Brief die ĂŒberhebliche und bornierte Sicht zumeist liberaler Intellektueller und Kulturschaffenden aus.
Ausgangspunkt beider Briefe ist die Warnung âvor einer unbeherrschbaren Ausweitung des Krieges mit unabsehbaren Folgen fĂŒr die gesamte Weltâ (Berliner Zeitung) bzw. âdas Risiko der Ausbreitung des Krieges innerhalb der Ukraine; das Risiko einer Ausweitung auf ganz Europa; ja, das Risiko eines 3. Weltkriegesâ (Emma). Ja, das Risiko einer Ausweitung des Krieges besteht. Doch es ist das Putin-Regime, das den Krieg eskaliert und sogar den Einsatz von Atomwaffen andeutete. Der in der Emma publizierte Brief warnt: âDie Lieferung groĂer Mengen schwerer Waffen allerdings könnte Deutschland selbst zur Kriegspartei machen.â Der zuvor in der Berliner Zeitung publizierte Brief meint gar: âMit der Lieferung von Waffen haben sich Deutschland und weitere NATO-Staaten de facto zur Kriegspartei gemacht.â Das ist falsch. Wenn diese Aussage richtig wĂ€re, hĂ€tten sich einzelne NATO-Staaten bereits in vielen Kriegen zur Kriegspartei gemacht und die UdSSR und China wĂ€ren kriegsfĂŒhrende LĂ€nder in Vietnam gegen die USA gewesen. Wir wĂ€ren somit lĂ€ngst in einer weltkriegsĂ€hnlichen Situation. Wir alle wissen, dass dem nicht so ist.
Waffenlieferung bedeuten keineswegs, ein kriegsfĂŒhrendes Land zu sein. Das weiĂ Putin, denn sein Regime liefert selber viele Waffen an Kriegsparteien, ohne direkt selber Krieg zu fĂŒhren. Das wissen auch die Verantwortlichen der NATO. Es gibt keine Anzeichen dafĂŒr, dass diese derzeit einen Krieg gegen Russland anstreben. Der offene Brief schreibt, Waffenlieferungen wĂŒrden den Krieg und das BlutvergieĂen verlĂ€ngern. Das ist aus historischen Erfahrungen eine nicht belegbare Behauptung. Es gibt Kriege die durch Waffenlieferungen verlĂ€ngert wurden, beispielsweise jener zwischen dem Irak und dem Iran in den 1980er Jahren. Andere Kriege wurden durch Waffenlieferungen nicht verlĂ€ngert. Haben die Waffenlieferungen der USA an die Sowjetunion den Zweiten Weltkrieg verlĂ€ngert?
Warum scheiterte die russische Kriegsmaschinerie bislang?
Der Krieg werde auf dem RĂŒcken der ukrainischen Bevölkerung ausgetragen, schreiben die Initiant:innen des ersten Briefs. Ja, das ist richtig. Doch sie verschweigen willentlich einen entscheidenden Sachverhalt. Die russische MilitĂ€rmaschinerie scheiterte in der ersten Kriegsphase, die Ukraine zu besetzen und eine Marionettenregierung einzusetzen. Warum? Der ukrainische Widerstand ist viel stĂ€rker als Putin erwartete. Er ĂŒbertrifft auch massiv die Erwartungen der NATO- und EU-Regierungen. Zu Kriegsbeginn empfahlen die US- und die britische Regierung dem ukrainischen PrĂ€sidenten Selenskyi das Land zu verlassen und aufzugeben. Die meisten westlichen Regierungen gingen von einer raschen Niederlage der Ukraine aus. Darin waren sie mit Putin einig. Zum GlĂŒck haben sie sich geirrt, denn sonst gĂ€be es keine ukrainische Zivilgesellschaft mehr.
Die Ukraine erhielt von 2014 bis 2022 4 Milliarden USD MilitĂ€rhilfe durch die USA. Seit mindestens 2015 bildete die US-Armee auch ukrainische Truppen aus, allerdings in relativ geringem AusmaĂ.[4] Doch ein GroĂteil der militĂ€rischen UnterstĂŒtzung floss erst nach Kriegsbeginn.[5] Von 2014 bis 2021 betrug die direkte MilitĂ€rhilfe 2,4 Milliarden US Dollar. Mitte April kĂŒndigte PrĂ€sident Biden ein weiteres MilitĂ€rhilfeprogramm fĂŒr die Ukraine im Wert von 750 Mio. USD an.[6] Israel, Ăgypten, Jordanien, Pakistan, Saudi-Arabien und die TĂŒrkei erhielten wesentlich höhere Waffenlieferungen. Die deutschen Waffenexporte an die Ukraine waren bislang relativ gering, ungleich gröĂer waren die deutschen Waffenexporte seit 2014 â trotz Embargo â an Russland und sogar bis in jĂŒngste Zeit.[7]
Entscheidend fĂŒr die gegenwĂ€rtige Situation ist der Widerstand der Ukraine. Und nach allen Meldungen und Erfahrungsberichten, auch von Gewerkschaften, Organisationen der Zivilgesellschaft sowie sozialistischen und anarchistischen Gruppierungen in der Ukraine ist dieser Widerstand gesellschaftlich breit abgestĂŒtzt. Nur auf der Grundlage dieses gesellschaftlichen Widerstandswillens konnte die Ukraine bislang gegen die russische Ăbermacht bestehen. Gewerkschaften, Nachbarschaftsstrukturen und freiwillige Territorialverteidigungseinheiten in den Wohnorten garantierten, dass die Zivilgesellschaft ĂŒberleben konnte.
Erst auf Grundlage dieses erfolgreichen Widerstands mussten sich die NATO-LĂ€nder ĂŒberhaupt der Herausforderung der Waffenlieferung an die Verteidiger:innen stellen. Diesen entscheidenden Punkt verschweigen beide offenen Briefe. Diese Missachtung des ukrainischen Widerstands ist das zentrale Versagen der Friedensbewegung. Sie beachtet das gesellschaftliche Handeln in der Ukraine nicht und sie entsagt der ukrainischen Zivilgesellschaft ihre SolidaritĂ€t. Die enge geopolitische Brille, die nur den Blick auf die GroĂmĂ€chte und ihre Regierungen freigibt, blendet derartige gesellschaftliche Dynamiken aus.
Im ersten offenen Brief steht, dass sich die Kriegsverbrechen hĂ€ufen. Richtig. Doch warum verschweigen die Autor:innen, wer die groĂe Ăberzahl dieser Kriegsverbrechen begeht? Das ist die russische Armee. SchlieĂlich befinden sich keine ukrainischen Truppen auf russischem Territorium. Der Aufruf zeigt sich sogar im Aufschrei gegen Kriegsverbrechen bewusst unklar und damit letztlich einseitig. Damit soll die Misshandlung russischer Kriegsgefangener durch ukrainische Soldaten nicht verharmlost werden.
MilitÀrische Besatzungsdiktatur akzeptieren?
Die Unterzeichnenden beider offenen Briefe warnen zu Recht vor der Ausweitung des Krieges und einer nicht mehr kontrollierbaren Eskalation bis hin zum groĂen Krieg mit Atomwaffen. Diese Gefahr ist nicht zu unterschĂ€tzen. Dennoch bleiben diese Warnungen plakativ. Der in der Emma veröffentlichte Brief relativiert den expansionistischen Charakter der russischen Herrscherclique. âDass die Verantwortung fĂŒr die Gefahr einer Eskalation zum atomaren Konflikt allein den ursprĂŒnglichen Aggressor angehe und nicht auch diejenigen, die ihm sehenden Auges ein Motiv zu einem gegebenenfalls verbrecherischen Handeln liefernâ, sei ein Irrtum. In welcher internationalen Ordnung leben wir, wenn eine imperiale GroĂmacht nur mit der Drohung des Einsatzes von Atomwaffen ganze Gesellschaften zur Unterwerfung zwingen kann? Macht das Schule, haben wir die TĂŒr zur Barbarei aufgerissen. Es ist geradezu fatal, wenn die politische LegitimitĂ€t eines imperialen Regimes, das solche Drohungen ausstöĂt, nicht nur akzeptiert wird, sondern den Opfern auch geraten wird, sich unterzuordnen. Anstatt den Drohungen nachzugeben, mĂŒssen sich die sozialen Bewegungen viel mehr ĂŒberlegen, wie Gesellschaften durch internationale praktische SolidaritĂ€t bis hin zur Sabotage militĂ€rischer Infrastruktur solchen Drohungen entgegenwirken können. Jede emanzipatorische Bewegung muss dazu beitragen, die LegitimitĂ€t solcher Regierungen auszuhöhlen.
Die Unterzeichnenden des ersten offenen Briefs wĂ€hnen die ukrainische Armee âder russischen weit unterlegenâ. Sie habe âkaum eine Chance, diesen Krieg zu gewinnenâ. Diese EinschĂ€tzung ist arrogant, ahistorisch und herrschaftsglĂ€ubig. Der ukrainische Widerstand hat in der ersten Phase des Krieges bereits bewiesen, dass sich eine zahlenmĂ€Ăig und waffentechnisch ĂŒberlegene Armee zurĂŒckschlagen lĂ€sst. Das haben vor ihr schon viele Verteidigungskriege und Rebellenarmeen bewiesen. Zudem ist ein militĂ€risches KrĂ€fteverhĂ€ltnis zugleich ein politisches. Je lĂ€nger der ukrainische Widerstand durchhĂ€lt, desto stĂ€rker erschöpft sich die russische Kriegsmaschinerie und desto eher treten Risse im Putin-Regime auf. Beide offenen Briefe empfehlen der Ukraine schlicht die Kapitulation. Der Unterzeichnenden des ersten Briefs meinen, Waffenlieferung und militĂ€rische UnterstĂŒtzung verlĂ€ngerten nur den Krieg und vergröĂerten das Leid. Sie gehen also davon aus, dass sich unter den Bedingungen einer militĂ€rischen Besatzungsdiktatur und massenhafter Deportation von potentiellen Oppositionellen eine lebendige Zivilgesellschaft herausbilden könne, die schlieĂlich die russischen Truppen friedlich zum Abzug zu bewegen vermag. Diese Vorstellung mutet geradezu grotesk an. Sie nimmt die vom Putin-Regime selber offen formulierten Kriegsziele nicht ernst. Putin erklĂ€rte seit 2014 mehrfach in aller Offenheit und Klarheit, dass er das Existenzrecht der Ukraine als Staat und einer ukrainischen Nation bestreitet. Auf welche historischen Erfahrungen beziehen sich die Unterzeichnenden, wenn sie meinen, dass sich unter den Bedingungen einer militĂ€rischen Besatzungsdiktatur eine starke und lebendige Zivilgesellschaft herauszubilden vermag, die dem Besatzungsregime letztlich ein Ende bereiten kann? Erinnern sich die Unterzeichnenden noch an die AnfĂ€nge der syrischen Revolution? Als im April 2011 die Menschen in Syrien Ă€uĂerst diszipliniert und friedlich auf die StraĂe gingen, lieĂ Diktator Assad immer wieder in die Menge schieĂen. SchlieĂlich bombardierte seine Armee ganze StĂ€dte. Das reichte jedoch nicht, um den Widerstandswillen der Menschen zu brechen. Putin und seine GenerĂ€le machten ab 2015 Aleppo und andere StĂ€dte dem Erdboden gleich. Das gleiche Personal bombardiert jetzt StĂ€dte in der Ukraine.
Kapitulation als Vorsorge gegen weitere Eskalation?
Beide offenen Briefe bedauern das ZurĂŒckweichen vor völkerrechtswidriger Gewalt. Im ersten Brief heisst es, das sei die âeinzig realistische und humane Alternative zu einem langen zermĂŒrbenden Krieg.â Deshalb sei der erste und wichtigste Schritt âein Stopp aller Waffenlieferungen in die Ukraine, verbunden mit einem auszuhandelnden sofortigen Waffenstillstandâ. Die Unterzeichner:innen empfehlen konkret, âden militĂ€rischen Widerstand â gegen die Zusicherung von Verhandlungen ĂŒber einen Waffenstillstand und eine politische Lösung â zu beenden. Die bereits von PrĂ€sident Selenskyj ins GesprĂ€ch gebrachten Angebote an Moskau â mögliche NeutralitĂ€t, Einigung ĂŒber die Anerkennung der Krim und Referenden ĂŒber den zukĂŒnftigen Status der Donbass-Republiken â bieten dazu eine reelle Chance.â SchlieĂlich wĂŒnschen sich die Unterzeichnenden doch den âraschen RĂŒckzug der russischen Truppen und die Wiederherstellung der territorialen IntegritĂ€t der Ukraineâ.
Bekanntlich werden WaffenstillstĂ€nde auf der Grundlage eines konkreten KrĂ€fteverhĂ€ltnisses abgeschlossen. Putin hat auch in diesen Tagen wieder unmissverstĂ€ndlich klargemacht, dass er keinen Spielraum fĂŒr Verhandlungen sehe. Was soll die Ukraine tun, wenn Putin weitergehende Ziele wie die Teilung des Landes verfolgt? In der Logik der beiden offenen Briefe mĂŒsste die Ukraine dann aufgeben und sich quasi ihrem Schicksal fĂŒgen.
Die RatschlĂ€ge der beiden Briefe laufen darauf hinaus, dass die Ukraine mindestens auf den Osten und die HafenstĂ€dte im SĂŒden des Landes, auf Reparationszahlungen und auf eine gerichtliche Verfolgung der Schuldigen dieses Krieges verzichtet. Dabei gehen die von Putin geĂ€uĂerten Kriegsziele weit darĂŒber hinaus. Ist es denn nicht verstĂ€ndlich, dass betrĂ€chtliche Teile der ukrainischen Bevölkerung einem solchen âDealâ nach den Massakern, den Zerstörungen und in der Furcht vor Deportationen kaum zustimmen wollen?
Die Unterzeichnenden des ersten offenen Briefs sorgen sich um die âberechtigte[n] Sicherheitsinteressen Russlands und seine[r] Nachbarstaatenâ. Damit schlieĂen einige der Unterzeichnenden nahtlos an frĂŒhere Stellungnahmen an, in denen sie deren Respektierung bereits gefordert hatten.[8] Den Sicherheitsinteressen der ukrainischen Bevölkerung schenkten sie bislang hingegen keine Beachtung. SchlieĂlich stellt Russland die SouverĂ€nitĂ€t der Ukraine in Frage, nicht umgekehrt. Warum genieĂt die NATO-Mitgliedschaft in zahlreichen LĂ€ndern Osteuropas einen RĂŒckhalt in der Bevölkerung? Wohl weil viele Menschen ihre leidvollen Erfahrungen mit dem russischen Sicherheits- und MilitĂ€rapparat gemacht haben und weil sie ĂŒber ein historisches GedĂ€chtnis der verschiedenen russischen und sowjetischen MilitĂ€rinterventionen verfĂŒgen. Seit wann sind fĂŒr Demokrat:innen und Sozialist:innen die Sicherheitsinteressen von Diktaturen ein vordringliches Anliegen? Marxistische und sozialistische Autor:innen aus Russland fĂŒrchten sogar, dass sich das Putin-Regime auf den Weg zu einem neuen Faschismus begeben habe.
Die Initiant:innen des ersten offenen Brief wollen, dass die am meisten gefĂ€hrdeten StĂ€dte wie Kiew, Charkiv und Odessa zu âunverteidigten StĂ€dtenâ erklĂ€rt werden. Das könne ihre VerwĂŒstung verhindern. Das heiĂt konkret: die russischen Truppen dĂŒrfen einmarschieren und ihre MilitĂ€rdiktatur errichten. Potentielle Oppositionelle können herausgefiltert, in Lager gesteckt oder deportiert werden. Das geschieht schon jetzt, und zwar auch in StĂ€dten, die sich nicht verteidigt haben.
Mit ihrer Ablehnung der Waffenlieferungen an die Ukraine akzeptieren die Initiant:innen der beiden offenen Briefe also letztlich eine StĂ€rkung Russlands. Das ist politisch falsch, auch aus einer sozialistischen Perspektive. Verwerflich ist vor allem, dass die Unterzeichnenden der ukrainischen Bevölkerung keine eigene SubjektivitĂ€t, kein eigenes Handlungsvermögen und schlieĂlich auch nicht das Recht auf Widerstand zugestehen. Der erste offene Brief erwĂ€hnt an keiner einzigen Stelle die Anliegen und den Verteidigungswillen der ukrainischen Bevölkerung. Der zweite offene Brief argumentiert sogar, dass dieser Widerstand illegitim werde, wenn er die âGrenzen in anderen Geboten der politischen Ethikâ ĂŒberschreite. Denn âdas MaĂ an Zerstörung und menschlichem Leid unter der ukrainischen Zivilbevölkerungâ lasse selbst den berechtigten Widerstand gegen einen Aggressor irgendwann in einem unertrĂ€glichen MissverhĂ€ltnis stehen. Diese Ăberlegung kann zwar grundsĂ€tzlich angestellt werden, aber in einer völlig anderen Weise. Denn schlieĂlich stellt sich die Frage, wie der geschundenen Bevölkerung und ihrem Widerstand auf andere Weise solidarischen Beistand geleistet werden kann. Diesem Imperativ der SolidaritĂ€t stellen sich aber beide offenen Briefe nicht.
Ihre Autor:innen verschweigen, dass sich Organisationen der Zivilgesellschaft wie Gewerkschaften und Nachbarschaftskomitees aktiv an der Verteidigung beteiligen, bewaffnet und unbewaffnet. Somit lĂ€uft ihre Position letztlich auf eine Tolerierung des russischen Imperialismus hinaus. Einige der Unterzeichnenden bleiben der Linie treu, die sie bereits vor dem Krieg Ă€uĂerten. Damit stellen sie sich jedoch auch aktiv gegen die emanzipatorischen und linken KrĂ€fte in der Ukraine, in Russland und in anderen LĂ€ndern Osteuropas.
Ungleiche Integration in das kapitalistische Weltsystem
Die Nato- und die EU-LĂ€nder tragen eine Verantwortung fĂŒr die Zuspitzung der Krise, aber anders als Teile der Friedensbewegung behaupten. Die relevante Ostausdehnung der Nato fand bereits bis 2004 statt, kann also nicht zur BegrĂŒndung des gegenwĂ€rtigen Krieges herbeigezogen werden. Es stand auch nicht auf der Tagesordnung, dass die Ukraine der Nato kurzfristig beitreten werde. Die EU unterbreitete bislang der Ukraine nicht einmal ein angemessenes Angebot zum Beitritt. Das Problem ist grundsĂ€tzlicher.
Nach dem Kollaps der bĂŒrokratischen Diktaturen in der Folge des Falls der Mauer waren die kapitalistischen LĂ€nder nicht willens, die LĂ€nder Osteuropas und vor allem Russland in einer gleichberechtigten Weise in das kapitalistische System zu integrieren. Im Gegenteil, sie verschĂ€rften die ungleiche Entwicklung in und zwischen den LĂ€ndern und die soziale Ungleichheit zwischen den Klassen. Sie beförderten in Russland die Entstehung einer Ăkonomie, die sich primĂ€r auf die Extraktion von Rohstoffen stĂŒtzt. Putins Aufstieg nach den chaotischen 1990er Jahren kam auch dem Kapital entgegen, das einen effizienten und notfalls hart durchgreifenden Gendarmen gegen soziale Unruhe brauchte. Der Aufstieg des Putin-Regimes lag durchaus im Interesse des âWestensâ, nicht zuletzt der deutschen Wirtschaft. Unter geordneten, obgleich autoritĂ€ren VerhĂ€ltnissen konnte man besser langfristige GeschĂ€fte eingehen. Diese ĂŒber die Zeit sich stabilisierenden wirtschaftlichen Verflechtungen zwischen dem deutschen und russischen Kapital sind auch einer der GrĂŒnde, warum etliche deutsche Konzerne und die Regierung sich ausgesprochen zurĂŒckhaltend und zunĂ€chst widerwillig auf die von anderen LĂ€ndern vorangetriebene Sanktionspolitik gegen Russland einlieĂen. Solange man nicht weiĂ, wer den Krieg gewinnt, will man sich schlieĂlich die Chance auf eine Wiederaufnahme lukrativer GeschĂ€ftstĂ€tigkeit in Russland nicht verbauen. Das erklĂ€rt auch teilweise, warum die deutsche Regierung in der Frage der Waffenlieferung vorsichtig agiert. Insofern begehen jene Teile der Friedensbewegung, die sich hart gegen den ukrainische Widerstand stellen, sogar einen Schulterschluss mit Teilen der deutschen Wirtschaft, die die freundschaftlichen Bande mit ihren russischen Partner:innen gerne profitabel weiterhin pflegen möchte.
Mehrere Konfliktlinien
Dieser Krieg weist mehrere Konfliktlinien auf. In erster Linie handelt es sich um den Angriff einer imperialistischen Macht gegen die UnabhĂ€ngigkeit eines wesentlich schwĂ€cheren Landes. Die Ukraine war historisch lange Zeit eine Art Kolonie des russischen Reiches. Das Land erlangte erst 1918 in der Folge der russischen Revolution die nationale UnabhĂ€ngigkeit und schloss sich 1922 als Ukrainische Sozialistische Sowjetrepublik der Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken an. Die stalinistische Konterrevolution beendete die Autonomie. Die politisch provozierte Hungernot in den frĂŒhen 1930er Jahren lieĂ das Land ausbluten. Erst 1991 entstand der gegenwĂ€rtige Staat Ukraine. Das Putin-Regime zweifelt die LegitimitĂ€t dieses Staates und die Existenz einer ukrainischen Nation spĂ€testens seit 2014 wiederholt an.
Der Krieg findet im Kontext der zugespitzten inter-imperialistischen RivalitĂ€t zwischen den USA und ihren europĂ€ischen VerbĂŒndeten, Russland und China statt. Seit den Anfangserfolgen der ukrainischen VerteidigungsbemĂŒhungen sehen die USA und ihre VerbĂŒndeten die Chance, den russischen Rivalen empfindlich zu schwĂ€chen. Je lĂ€nger der Krieg dauert und je gröĂer der militĂ€rische und damit auch politische Einfluss der Waffenlieferungen wird, desto stĂ€rker bestimmt diese inter-imperialistische RivalitĂ€t die Dynamik des Kriegsgeschehens.
Sowohl der Eskalation des Krieges als auch seiner Dynamik zu einem langen AbnĂŒtzungskrieg und dem damit einhergehenden menschlichen Leid und der Zerstörung gesellschaftlichen Lebens ist mit einer solidarischen internationalistischen Perspektive entgegenzuwirken. Die KrĂ€fteverhĂ€ltnisse lassen es derzeit nicht zu, dass sozialistische Bewegungen das Kriegsgeschehen beeinflussen. Die SolidaritĂ€t darf nicht Regierungen und Staaten gelten, sondern muss sich mit den Menschen in der Ukraine verbinden, die sich der russischen Besatzung und der Selenskyi-Regierung mit ihren unsozialen und undemokratischen Bestrebungen entgegenstellen. Sie muss auch die Menschen in Russland einbeziehen, die trotz brutaler Repression Widerstand gegen die Kriegsmaschinerie des Putin-Regimes leisten. Es obliegt den Menschen in der Ukraine darĂŒber zu bestimmen, wie sie ihr Land wiederaufbauen wollen. Dieser demokratische Grundsatz geht verloren, wenn man nur durch eine enge geopolitische Brille von auĂen aus den reichen westeuropĂ€ischen LĂ€ndern auf den Krieg blickt und Empfehlungen zur Kapitulation vor einer imperialistischen Atommacht abgibt. Je stĂ€rker emanzipatorische und sozialistische KrĂ€fte sind, desto eher können sie in die Auseinandersetzungen um die Beendigung des Krieges und die Gestaltung einer Nachkriegsordnung eingreifen. Internationale SolidaritĂ€t heiĂt, den Dialog mit Gewerkschaften und den Initiativen aus der Zivilgesellschaft aufnehmen. Nur auf dieser Grundlage lassen sich gemeinsame Antworten gegen den russischen Besatzungskrieg und die imperialistischen Manöver der NATO- und EU-LĂ€nder entwickeln.
Solidarische Antikriegsbewegung
Warum fragen die Initiant:innen dieser offenen Briefe und groĂe Teile des linken Spektrums in Deutschland und Westeuropa eigentlich nicht, warum alle Gewerkschaften, feministische ZusammenhĂ€nge, LGBTQ-Initiativen, Umweltgruppen sowie Sozialist:innen und Anarchist:innen in der Ukraine sich nahezu unterschiedslos am zivilen und militĂ€rischen Widerstand gegen die russischen Invasions- und Besatzungstruppen beteiligen? Naheliegend wĂ€re es doch sich mit diesen Menschen zu verbinden. Doch viele Linke in Deutschland beachten diesen Wiederstand nicht einmal, sondern raten der Ukraine ĂŒberheblich und abstrakt zu einem zivilen Widerstand, was in der gegenwĂ€rtigen Situation einer Kapitulation gleichkĂ€me.
Eine solidarische Antikriegsbewegung behindert nicht den ukrainischen Widerstand gegen die russische Besatzungsarmee, sondern stellt sich auf die Seite der Gewerkschaften und Nachbarschafts- und Selbsthilfestrukturen in der Ukraine sowie der hart unterdrĂŒckten Antikriegsbewegung in Russland. SolidaritĂ€t mit dem Widerstand von unten gegen die Ă€uĂeren und inneren KrĂ€fte der Herrschaft; das muss die Orientierung einer lebendigen Antikriegsbewegung werden.
Der Erlass der Schulden der Ukraine ist in diesem Zusammenhang ein zentrales Anliegen. Die BĂŒrde der permanenten Schulden und Zinszahlungen verunmöglicht jede vernĂŒnftige Entwicklung nach dem Krieg. Mit der Forderung nach einem Schuldenerlass wĂŒrde sich die Antikriegsbewegung auch den Finanzunternehmen in Europa und Nordamerika entgegenstellen.
Eine solidarische Antikriegsbewegung muss sich selbstverstĂ€ndlich kompromisslos der AufrĂŒstung der NATO-Staaten entgegenstellen, ja sogar die Existenz der NATO ist in Frage zu stellen. Die Antikriegsbewegung und die Klimabewegung mĂŒssen zusammenkommen und eine gemeinsame Grundlage erarbeiten. Der Bezug von russischem Erdgas und Ăl ist einzustellen, ohne diese durch andere fossile Bezugsquellen zu ersetzen. Diese Forderung der Klimabewegung ist richtig und verdient breite UnterstĂŒtzung.
Dieser Schritt zur Abkehr von den fossilen EnergietrĂ€gern ist auch klimapolitisch nötig. Die Klima- und die Antikriegsbewegung mĂŒssen sich â nicht zuletzt zum Schutz des Klimas â dafĂŒr einsetzen, dass alle LĂ€nder und ganz besonders die NATO LĂ€nder ihre RĂŒstungsausgaben jĂ€hrlich um 10% kĂŒrzen und schlieĂlich die RĂŒstungsindustrie zurĂŒckbauen und in gesellschaftlich nĂŒtzliche Produktion umwandeln.
Die beiden hier kritisierten offenen Briefe widersprechen grundlegenden demokratischen und solidarischen Prinzipien. Sie sind einerseits Ausdruck eines berechtigten breit abgestĂŒtzten pazifistischen Empfindens in der Bevölkerung, doch zugleich argumentieren sie aus der engen Sicht eines reichen und privilegierten Landes in Westeuropa. Die abstrakte und breite Angst vor einem Atomkrieg bringt die Initiant:innen dieser Briefe dazu , einen Angriffskrieg, Besatzung, Vertreibungen, Deportationen und systematische Repression zu tolerieren und dem Widerstand die Kapitulation zu empfehlen. Das ist weit weg von internationaler SolidaritĂ€t. Das lĂ€uft darauf hinaus, dass man einen imperialistischen Besatzungskrieg solange akzeptiert, als er regional begrenzt ist und Deutschland nicht erfasst. Dass sozialistische, feministische und linke Organisationen sich dieser bis weit in die eigenen Kreise hineinragenden egopazifistischen Stimmung nicht entgegenstellen, sondern sie sogar betrĂ€chtlich mittragen, ist Ausdruck der Erosion internationalistischen Denkens. Ein solches wĂŒrde sich nicht an den diplomatischen WinkelzĂŒgen der Regierungen, sondern an den Anliegen der Bedrohten, Vertriebenen und Ausgebeuteten orientieren. Der Aufbau praktischer transnationaler SolidaritĂ€t der LohnabhĂ€ngigen und aller Diskriminierten gegen die Herrschenden â egal in welchem Staat â ist dringender denn je.