Jan Ole Arps, Sebastian BĂ€hr, Nelli TĂŒgel
Linke in der Ukraine wĂŒnschen sich internationalen Austausch â was wollen sie sonst noch? Ein Besuch bei Sozialistinnen, Anarchistinnen, Gewerkschafterinnen und Feministinnen in Lwiw
An einem milden FrĂŒhlingsabend Anfang Mai heulen ĂŒber Lwiw die Sirenen. Wir stehen vor einer Bar im Zentrum der Stadt, in der wir gerade noch mit Schweizer Trotzkistinnen, britischen Gewerkschafterinnen und Aktivistinnen aus der kleinen linken Szene der Ukraine ein Bier getrunken haben. Es wird langsam dunkel, aber die StraĂen und PlĂ€tze sind noch voller Menschen. Die meisten ignorieren den Luftalarm. »Es ist sehr wichtig, dass diese internationalistische Delegationsreise stattfindet. FĂŒr uns ist sie wirklich von groĂer Bedeutung«, sagt Vitaly Dudin, einer unserer Gastgeber und Vorstand der linken Organisation Sotsialnyi Rukh, Soziale Bewegung, deren etwa 100 Mitglieder sich auf eine Handvoll StĂ€dte verteilen. »Wir verstehen uns als Internationalistinnen, und wir vermissen den Austausch mit Linken aus anderen LĂ€ndern sehr.«
Lwiw, unweit der Grenze zu Polen und traditionell eine Hochburg des ukrainischen Nationalismus, ist derzeit einer der sichersten Orte in der Ukraine, auch wenn am Vorabend ganz in der NĂ€he drei Umspannwerke von russischen Raketen getroffen wurden. In der Stadt haben in den vergangenen Monaten rund 200.000 BinnengeflĂŒchtete aus allen Landesteilen Schutz gesucht. Es halten sich aber auch Hunderte, wenn nicht Tausende Journalist*innen aus der ganzen Welt hier auf. Am Tag unserer Ankunft ist die US-Schauspielerin Angelina Jolie in der Stadt, am Tag unserer Abreise soll Bono kommen; NGO-Mitarbeiter*innen und Politiker*innen geben sich die Klinke in die Hand. Doch obwohl sich Lwiw und inzwischen auch Kiew vor auslĂ€ndischen Besucher*innen kaum retten können, gab es seit dem Beginn der russischen Invasion am 24. Februar nicht, was doch eigentlich so naheliegend erscheint: dass eine Delegation linker Aktivist*innen, Parlamentarier*innen und Gewerkschafter*innen in das Land fĂ€hrt, das ukrainische MĂ€nner zwischen 18 und 60 nun nicht mehr verlassen dĂŒrfen, um dort, vor Ort, Gewerkschafter*innen und Aktivist*innen der sozialen Bewegungen zu treffen.
âWir sind Internationalist*innen und vermissen den Austausch mit Linken aus anderen LĂ€ndern sehr.â - Vitaly Dudin, Sotsialnyi Rukh
Naheliegend wĂ€re das, weil es ein Grundgedanke des linken Internationalismus ist, in gemeinsamer Diskussion, ĂŒber Grenzen hinweg, zu verarbeiten, was auf der Welt geschieht, und Positionen dazu zu entwickeln. Ebenso selbstverstĂ€ndlich sollte es sein, an der Seite der Arbeiter*innenklasse und UnterdrĂŒckten zu stehen, die in einem Land kĂ€mpfen, in dem es nicht leicht ist, Linke*r zu sein und das von einem imperialistischen Staat ĂŒberfallen wird. Ukrainische Linke, auch Linke aus anderen mittel- und osteuropĂ€ischen Staaten, haben bereits einige an die westliche Linke gerichtete Briefe, Threads und Texte verfasst und auf vielfĂ€ltige Weise ihr BedĂŒrfnis nach Austausch, Kontakt, Vernetzung und SolidaritĂ€t zum Ausdruck gebracht. ZurĂŒckgeschrieben hat bisher kaum jemand.
Nun sind etwa zwei Dutzend Gewerkschafter*innen und Sozialist*innen aus neun europĂ€ischen LĂ€ndern sowie aus Argentinien der Einladung des EuropĂ€ischen SolidaritĂ€tsnetzwerks mit der Ukraine, eines spontanen Zusammenschlusses vor allem aus dem trotzkistischen Spektrum, gefolgt â angefĂŒhrt wird die Reisegruppe von Hanna Perekhoda, einer aus Donezk stammenden jungen Frau, die in Lausanne lebt. Ein paar Abgeordnete sind auch dabei. SĂžren SĂžndergaard, der fĂŒr die rot-grĂŒne Enhedlisten im dĂ€nischen Parlament sitzt, die finnische Abgeordnete Veronika Honkasalo vom dort an der Regierung beteiligten LinksbĂŒndnis, Paulina Matysiak von der polnischen Linkspartei Razem und Stefanie Prezioso, Abgeordnete von Ensemble Ă Gauche im Schweizer Parlament. Ebenso Mireille Fanon-MendĂšs-France, PrĂ€sidentin der nach ihrem Vater benannten Fondation Frantz Fanon internationale. Man könnte sagen: Es ist ganz schön spĂ€t fĂŒr so eine Reise, mehr als zwei Monate nach Beginn der Invasion. Man könnte sagen: Es sind ganz schön wenige, dafĂŒr dass Westeuropa nah und groĂ ist und dortige Linke in der Regel viele Möglichkeiten haben zu reisen. Man könnte sagen: Es gibt sehr viel prominentere Linke als die, die hierher gekommen sind. Vitaly Dudin aber sagt: »FĂŒr uns ist das ein Riesenschritt.«
Landen HilfsgĂŒter in Supermarktregalen?
Dudin ist Arbeitsrechtler, seinen Lebensunterhalt verdient er in der Kommunikationsabteilung einer Behörde. Nebenbei berĂ€t er Arbeiter*innen, wie sie ihre Rechte durchsetzen, und Gewerkschaften, wie sie gegen Union Busting vorgehen können. FĂŒr diese Tage Anfang Mai ist er aus Kiew nach Lwiw gekommen. Auch andere haben sich auf den Weg in die Stadt nahe der Grenze gemacht, um an der zweitĂ€gigen Konferenz teilzunehmen, die Sotsialnyi Rukh und das EuropĂ€ische SolidaritĂ€tsnetzwerk organisiert haben. Die Aktivisti*nnen und Gewerkschafter*innen kommen nicht nur aus Kiew, auch aus Uschgorod in Transkarpatien, ganz im Westen der Ukraine, wo am Tag zuvor ebenfalls russische Raketen eingeschlagen sind, oder aus noch weiter entfernten Orten wie Charkiw, Mariupol, Dnipro oder von der Krim. Viele von ihnen leben mittlerweile als BinnengeflĂŒchtete in Lwiw.
Der Krieg hat das Leben aller Anwesenden auf den Kopf gestellt und bestimmt ihre politische Arbeit. Das wird deutlich, als am ersten Tag Gewerkschafter*innen berichten: LokfĂŒhrer*innen wie Aleksandr Skiba aus Kiew transportieren nun GeflĂŒchtete oder humanitĂ€re Hilfe durchs Land. Allerdings landeten die HilfsgĂŒter, die in groĂen Mengen in die Ukraine kommen, nicht immer bei den Menschen, sondern oft in den Regalen groĂer SupermĂ€rkte. »Wir konnten noch nicht beweisen, dass die Hilfe auf illegalem Wege dorthin gelangt ist, wir haben uns an die lokalen Behörden gewandt, aber keine Antwort erhalten«, sagt Skiba.
Es ist nicht das einzige Problem, mit dem Skiba und seine Gewerkschaft, die Freie Gewerkschaft der Eisenbahner (VPZU), derzeit kĂ€mpfen. Viele Kolleg*innen haben durch Bomben und Beschuss ihre HĂ€user verloren. An Hilfszahlungen zu kommen, sei schwierig: »Der Staat schiebt alles auf lokale Behörden ab, die aber wahrscheinlich kein Geld dafĂŒr haben. Die Regierung wird also sagen, sie hĂ€tte alles getan, und die lokalen Behörden werden sagen, sie hĂ€tten kein Geld, weil die Regierung ihnen keines gegeben hat.« Skiba will den Kampf mit den Behörden aufnehmen, damit seine Kolleg*innen UnterstĂŒtzung erhalten. Auch Myroslava Kaftan von der UnabhĂ€ngigen Bergarbeitergewerkschaft der Ukraine aus Chervonograd in der NĂ€he von Lwiw berichtet von der Ăbernahme staatlicher Aufgaben bei der Versorgung GeflĂŒchteter, von denen einige der Gewerkschaft mehr vertrauten als dem Staat.
Einem Staat, der in den vergangenen Jahren, trotz aller Versprechen des 2019 mit groĂer Mehrheit gewĂ€hlten PrĂ€sidenten Wolodymyr Selenskij, die LebensverhĂ€ltnisse der meisten Menschen nicht verbessern konnte. Vitaliy Dudin berichtet, dass BeschĂ€ftigte ihre â ohnehin oft sehr niedrigen â Löhne hĂ€ufig nicht ausgezahlt bekĂ€men; insgesamt vier Milliarden Hrywnja (rund 140 Millionen Euro) schuldeten Arbeitgeber*innen »ihren« BeschĂ€ftigten, die HĂ€lfte dieser Lohnschulden betrĂ€fe den Ăffentlichen Sektor und die staatlichen Unternehmen. Die zuvor schon miserablen VerhĂ€ltnisse hĂ€tten sich durch den neuen Krieg natĂŒrlich drastisch verschĂ€rft, erklĂ€rt Dudin.
Kriegsarbeitsrecht und Parteienverbote
Zudem gilt nun das Kriegsrecht und das kĂŒrzlich erlassene Gesetz Nr. 2136. Viele zumindest auf dem Papier existierende Rechte von Arbeiter*innen wurden ausgesetzt, zum Beispiel der Anspruch, regelmĂ€Ăig Lohn zu erhalten. Streiks waren in den vergangenen Jahren selten, nun sind sie komplett verboten. Kontrollen von ArbeitsstĂ€tten durch die staatliche Arbeitsinspektion finden nicht mehr statt.
Sotsialnyi Rukh wandte sich vor dem Krieg gegen die Deregulierungspolitik der Selenskij-Regierung, nun kritisiert die Gruppe die EinschrĂ€nkungen durch das Kriegsrecht und den fehlenden Sozialstaat, der es fĂŒr diejenigen, die eh schon wenig haben, noch schwerer macht. Nötig sei es, den Kampf gegen die mĂ€chtigen Oligarchen aufzunehmen und radikale soziale Reformen anzugehen, etwa die Verstaatlichung der profitabelsten und strategisch wichtigsten Unternehmen sowie die Besteuerung der Reichen. Die Aktivist*innen betonen auch: Es braucht dringend einen Schuldenschnitt, von ihrer Regierung fordern sie, die Auslandsschulden nicht mehr zu bedienen.
âRussland prĂ€sentiere sich als letzte Bastion christlicher Werte, sagt Ksenia, auf deren SchlĂ€fe ein Satan-loves-you-Tattoo prangt.â
In sozialen und demokratiepolitischen Fragen stehe man in Gegnerschaft zur Regierung, erklĂ€rt Denis Pilash, ebenfalls von Sotsialnyi Rukh. Die Gruppe lehnt nicht nur die EinschrĂ€nkung von Arbeiter*innen unter dem Kriegsrecht ab, sondern kritisiert auch die Verbote einer Reihe von Parteien. Zuletzt waren Mitte MĂ€rz elf Organisationen wegen des Vorwurfs, mit Russland zu kollaborieren, fĂŒr die Dauer des Kriegszustandes mit AktivitĂ€tsverboten belegt worden, darunter kleinere Gruppen, aber auch die Union Linker KrĂ€fte und die mit 44 Sitzen im Parlament vertretene Oppositionsplattform fĂŒr das Leben. GröĂtenteils wĂŒrden diese Parteien nur dem Namen nach in der Tradition der Linken und Arbeiter*innenbewegung stehen, erklĂ€rt Pilash. TatsĂ€chlich handele es sich bei ihnen um kremltreue, nationalistische und reaktionĂ€re Organisationen, die sich sozialistischer und kommunistischer Symbolik bedienten. Das staatliche Verbot und Repressionen aber seien nicht der richtige Weg â auch weil solche MaĂnahmen und die Kriminalisierung sozialistischer Symbole stets drohten, gegen Linke gerichtet zu werden. Die Aktivist*innen lehnen jede Diskriminierung auf Grundlage von Sprache, Herkunft oder NationalitĂ€t ab, ebenso wie das 2015 erlassene Dekommunisierungsgesetz, das auf Basis einer Gleichsetzung von Kommunismus und Nationalsozialismus »totalitĂ€re Symbole«, also auch sowjetische Symbole, verbietet.
Trotz all der Kritik an der Regierung: In der Verteidigung gegen die russische Invasion unterstĂŒtze man sie. Die Alternative wĂ€re eine russische Besatzung des Landes â aus Sicht aller unserer GesprĂ€chspartner*innen eine Katastrophe. FĂŒr die in Lwiw versammelten Linken gibt es schlicht keine Alternative zur militĂ€rischen Verteidigung der Ukraine. Die Aktivistin Ksenia vom Kollektiv Queer Lab erzĂ€hlt, in manchen von russischen Truppen besetzten StĂ€dten wĂŒrden bekannte queere Aktivist*innen festgenommen oder »verschwinden«. Auch wenn die Lage fĂŒr queere Menschen in der Ukraine ĂŒberhaupt nicht rosig ist, ist die Angst, unter russische Besatzung zu fallen, in der Community riesig, da in Russland auch Homofeindlichkeit zur StaatsrĂ€son gehört und »HomosexualitĂ€tspropaganda« verboten ist. Russland prĂ€sentiere sich als »letzte Bastion christlicher Werte« in Europa, sagt Ksenia, auf deren SchlĂ€fe ein »Satan-loves-you«-Tattoo prangt. Die Mitglieder ihrer Gruppe spenden die HĂ€lfte ihres Einkommens an die Territorialverteidigung. Sie entscheiden im Kollektiv, an welche Einheiten die Spenden gehen.
Wo sind die Pazifist*innen?
So etwas ruft bei vielen Linken hierzulande Unbehagen hervor, wenn nicht Ablehnung. Was wiederum ukrainische Linke nicht begreifen. Aufrufe aus Europa, wie etwa massenhaft von den bewaffneten Einheiten zu desertieren, sofort die Waffen niederzulegen, einzig mittels pazifistischer Methoden die Invasoren zu vertreiben oder sofortige bedingungslose Verhandlungen zu fĂŒhren, sorgen bei ihnen fĂŒr KopfschĂŒtteln â mindestens.
Gibt es keine Pazifist*innen in der Ukraine? In den vergangenen Monaten tauchten zumindest immer wieder Stellungnahmen von Yurii Sheliazhenko auf. Der Forscher lebt in Kiew und ist Vorsitzender und laut der in Lwiw Anwesenden auch einziges Mitglied der Ukrainischen Pazifistischen Bewegung. In Online-Videos sprach er sich gegen den Krieg, aber auch gegen die bewaffnete Verteidigung des Landes aus. Sie erreichten unter Linken und Friedensbewegten in Westeuropa einige Verbreitung: als Beispiel fĂŒr eine andere Stimme aus der ukrainischen Linken.
»Sheliazhenko, ein Linker?« Denis Pilashs Augenbrauen rutschen nach oben, als wir ihn am Abend des zweiten Tages darauf ansprechen. »Dazu kann ich zwei Sachen sagen: Erstens ist Yurii Sheliazhenko ein EinzelgĂ€nger, der keinerlei Verbindung zur Linken hat. Er ist niemand, den man bei linken Veranstaltungen treffen wĂŒrde. Und zweitens bezeichnet er sich nicht mal selbst als links.« Ihm persönlich falle niemand aus der demokratischen und sozialistischen Linken ein, der sich gegen die bewaffnete Verteidigung gegen den russischen Angriffskrieg ausspreche, sagt Pilash. Auch alle Anarchist*innen, die er kenne, seien klar fĂŒr den militĂ€rischen Widerstand gegen die russische Aggression.
âWir haben derzeit nicht den Luxus, 100 Prozent Pazifisten zu sein.â - Yuri Chernata, Operation Solidarity
Serhii Movchan von der Gruppe Operation Solidarity ist einer von ihnen. In der Initiative haben sich Anarchist*innen und AntiautoritĂ€re organisiert, sie sammeln Spenden fĂŒr linke Aktivist*innen in der Ukraine, fĂŒr die UnterstĂŒtzung von GeflĂŒchteten und Notleidenden, fĂŒr militĂ€rische SchutzausrĂŒstung. Von ihrer UnterstĂŒtzung profitieren rund 100 Anarchist*innen und andere Linke, die sich den ukrainischen TerritorialkrĂ€ften angeschlossen haben. »Da existiert keine Diskussion, es gibt einen Konsens ĂŒber die russische Invasion und die Notwendigkeit, sich gegen sie zu wehren«, bestĂ€tigt Movchan die EinschĂ€tzung Pilashs. NatĂŒrlich sei nicht jeder bereit oder in der Lage, selbst mit Waffen zu kĂ€mpfen â doch man sei sich innerhalb der Szene einig, dass der Widerstand der Soldat*innen die wichtigste Form der Verteidigung ist. »Mit einer militĂ€rische Niederlage der Ukraine hĂ€tten auch alle andere Formen des Aktivismus keinen Sinn mehr, ein politisches Leben wie bisher ist dann nicht mehr möglich«, so Movchan. Er betont, dass einige ukrainische Anarchist*innen durchaus das MilitĂ€r ablehnten, aber man sich nun in seiner Praxis an die RealitĂ€t anpassen mĂŒsste. Yuri Chernata, ebenfalls organisiert bei Operation Solidarity, fĂŒgt hinzu: »Wir haben derzeit nicht den Luxus, 100 Prozent Pazifisten zu sein.«
»Einige auslĂ€ndische Linke meinten, wir sollten unsere Waffen doch lieber gegen unsere Herrschenden richten und die Revolution beginnen«, erzĂ€hlt Serhii Movchan mit einem mĂŒden LĂ€cheln. »Ja, wie wĂ€re es, wenn ihr schon mal anfangt? Und wenn dann auch in Russland die Waffen gegen den Kreml gerichtet werden, können wir gern nochmal sprechen, dann ziehen wir bestimmt auch nach.«
Movchans bittere Worte zeugen von einem verbreiteten Dilemma: Die Position vieler Linker im Ausland kann mit »no war but class war« (kein Krieg auĂer Klassenkampf) beschrieben werden â doch was bedeutet das angesichts der meist schlechten KrĂ€fteverhĂ€ltnisse? Das theoretisch richtige Motto »Der Hauptfeind steht im eigenen Land« scheint manchen eher als Vorwand zu dienen, nicht in Austausch â auch Auseinandersetzung â mit Genoss*innen in der Ukraine treten zu mĂŒssen, deren Forderungen nach militĂ€rischer Verteidigung und Waffenlieferungen einem nicht ganz geheuer sind.
Linke Hilfstruppen der Nato?
Sich positionieren, SolidaritĂ€t mit ukrainischen Linken zu ĂŒben, bedeutet nicht, die zahlreichen Probleme und WidersprĂŒche zu ignorieren: Die Gefahr einer weiteren Eskalation des Krieges ist real, ebenso ist die Sorge vor Vereinnahmung fĂŒr die Kriegsziele der Nato-Staaten begrĂŒndet. Es gibt keinen Anlass, die VerhĂ€ltnisse in der Ukraine zu beschönigen, wie es die Regierenden in Paris oder Berlin tun, die mit Phrasen von »Freiheit« und »Demokratie« das Land zum Frontstaat ihres EU-Nationalismus machen. Die groĂe UnterstĂŒtzung unter ukrainischen Linken fĂŒr die bewaffnete Verteidigung bedeutet die temporĂ€re Integration in die Strukturen eines von einer neoliberalen Regierung gefĂŒhrten Staates, in dessen Armee auch extrem rechte Einheiten wie das Asow-Regiment kĂ€mpfen. Diese extreme Rechte könnte durch den Krieg gestĂ€rkt werden, politisch wie militĂ€risch. Dem steht die Bedrohung gegenĂŒber, von einer repressiven imperialistischen Macht besetzt und beherrscht zu werden. Aus Sicht unserer GesprĂ€chspartner*innen derzeit eindeutig die gröĂere Gefahr.
Dabei gibt es unter den linken Aktivist*innen in der Ukraine keine Illusionen gegenĂŒber der eigenen Regierung oder der Agenda der Nato. »NatĂŒrlich hat die Nato in der Ukraine ihre Interessen«, sagt Movchan. Trotzdem: Der Krieg sei von Russland begonnen worden, man habe ihn sich nicht ausgesucht. »Wenn du wirklich ein Linker bist, dann höre den Menschen vor Ort zu und versuche zu verstehen, dass die Ukrainer*innen ihre eigene SubjektivitĂ€t haben«, so Movchans Forderung.
Es ist nicht das erste Mal, dass der linke Blick durch eine ausschlieĂlich geopolitische Brille in Ignoranz mĂŒndet und den Menschen vor Ort die SubjektivitĂ€t abspricht, sie zu Schachfiguren degradiert. Selbst, als zu Beginn des Jahres ein Arbeiter*innenaufstand Kasachstan erschĂŒtterte, vermuteten einige sofort einen »von auĂen« gesteuerten Versuch, russisches Einflussgebiet zu beschneiden, und blickten entsprechend skeptisch auf die AufstĂ€ndischen. Aus einer solchen Sicht ist die Ukraine nur das Schlachtfeld, auf dem zwei imperialistische Blöcke ihren Kampf ausfechten, die dort lebenden Menschen sind damit zur PassivitĂ€t verurteilt.
Die GleichgĂŒltigkeit vieler AuslĂ€nder*innen gegenĂŒber den Folgen des Krieges schmerzt Aktive in der Ukraine, besonders angesichts der schweren Menschenrechtsverletzungen, die bereits begangen wurden. »Man konnte im ersten Moment nicht glauben, dass dies die RealitĂ€t war â es sah aus wie in einem postapokalytischen Computerspiel«, erinnert sich Serhii Movchan. Der Anarchist hat die Orte Bucha, Irpin und Borodyanka besucht, in denen die russische Armee GrĂ€ueltaten an der Zivilbevölkerung verĂŒbte. Im GesprĂ€ch mit den Anwohner*innen sei das AusmaĂ des Schreckens deutlich geworden, erzĂ€hlt er. »Es ist absurd, wenn jemand behauptet, dass die Massaker von der CIA oder so inszeniert worden wĂ€ren. Du kannst nicht diese ganzen Menschen in den Ortschaften manipulieren, dann mĂŒssten das alles Schauspieler*innen sein.« Theoretisch könne er sich erklĂ€ren, wie Leute zu solchen Positionen kommen. »Doch wenn jemand in einer Diskussion so etwas wirklich ausspricht, werde ich wĂŒtend«, sagt Movchan.
Gefahr des nationalen Schulterschlusses
Aber birgt der Krieg nicht die Gefahr des nationalen Schulterschlusses der ohnehin schwachen Linken mit der Regierung? Und was ist mit den An- und Ăbergriffen, die bewaffnete MilizionĂ€re zum Beispiel gegen Roma oder nicht weiĂe GeflĂŒchtete begangen haben?
»Ja, die gibt es«, sagt Julian Kondur, ein Aktivist fĂŒr die Rechte von Roma aus Kiew. Anfang MĂ€rz gingen Bilder von jungen Roma um die Welt, die an LaternenpfĂ€hle gefesselt waren, nachdem sie des Ladendiebstahls beschuldigt worden waren. »NatĂŒrlich gibt es Diskriminierung gegen uns in der Ukraine. Es ist zum Beispiel viel schwieriger fĂŒr uns, in den Westen des Landes zu reisen«, sagt Kondur. Zugleich betont er, dass Tausende Roma in der Territorialverteidigung auf Seiten der Ukraine gegen die russischen Invasoren kĂ€mpften. »Ich hoffe auch deshalb, dass unsere Position in diesem Land nach dem Krieg eine bessere sein wird.«
Auf eine Verbesserung ihrer Position durch den Krieg hofft indes auch die extreme Rechte, die bei den letzten Wahlen in der Ukraine eher schwach abschnitt, aber immer noch ein gut organisierter und schlagkrĂ€ftiger Faktor ist. Die Gefahr ist real: Was passiert, wenn die faschistischen Einheiten Kampferfahrung sammeln und an Ansehen in der Bevölkerung gewinnen? Die Linken, die in Lwiw zusammenkommen, kennen die ukrainischen Neonazis. Sotsialnyi Rukh konnte schon frĂŒher Veranstaltungen aus Sorge vor Ăbergriffen teilweise nicht öffentlich ankĂŒndigen, in manchen Jahren mussten die kleinen 1.-Mai-Demonstrationen der Gruppe wegen rechter Drohungen von Kiew nach Krywyj Rih verlegt werden. Seit Jahren werden die hier Versammelten attackiert und kĂ€mpfen auch gegen die rechte Gefahr.
âDer Krieg legitimiert Gewalt, er produziert MĂ€nner mit Gewalterfahrung, und das lĂ€sst die Gewalt gegen Frauen anwachsen.â - Marta Chumalo, NGO Womenâs Perspectives
Nicht wenige Linke, die sich den Territorialverteidigungseinheiten angeschlossen oder eigene VerbĂ€nde gegrĂŒndet haben, berufen sich dabei auch auf die Erfahrung des Maidan-Aufstands von 2014, als sie der Ăbermacht der extremen Rechten nichts entgegenzusetzen hatten. Damals waren Linke von Rechten von den PlĂ€tzen gejagt oder gezwungen worden, ihre Banner und FlugblĂ€tter abzulegen, wenn sie doch bei den Protesten bleiben wollten. Es gab das Massaker im Gewerkschaftshaus in Odessa am 2. Mai 2014, als nach StraĂenschlachten zwischen nationalistischen FuĂballfans und prorussischen Maidan-Gegner*innen das Haus in Brand gesetzt wurde, in das sich die Maidan-Gegner*innen geflĂŒchtet hatten; 48 Menschen starben an jenem Tag. Die extreme Rechte habe sich in dieser Zeit den Ruf erworben, dass man bei der Verteidigung gegen die Angriffe der Polizei auf sie zĂ€hlen könne. Nicht wieder wehrlos und ohnmĂ€chtig dazustehen, ist eines von vielen linken Motiven, sich dieses Mal ebenfalls zu bewaffnen.
Wenn nun AuslĂ€nder*innen sie im Internet ĂŒber Asow belehren, sich einzig fĂŒr die extreme Rechte in der Ukraine interessieren oder sie gar als auf links gedrehte Nationalist*innen bezeichnen, sei das schon deprimierend, sagt Denis Pilash. Der Sozialist betont, dass er und seine Genoss*innen von Sotsialnyi Rukh sich als Gegner*innen aller imperialistischen MĂ€chte verstĂŒnden. Er sei ĂŒberzeugt, dass der Kampf gegen den russischen Imperialismus, den sie derzeit zu fĂŒhren gezwungen seien, antiimperialistische KrĂ€fte ĂŒberall auf der Welt stĂ€rken könne â wĂ€hrend ein Sieg Russlands die internationale Linke weiter schwĂ€chen werde. Die meisten Linken, mit denen wir reden, glauben auch, dass die Nazis nicht massiv vom Krieg profitieren werden. Verglichen mit 2014 spielten sie als militĂ€rischer Faktor heute eine untergeordnetere Rolle. Eine schwierige Frage bleibt es.
VerhÀrtungen und Pragmatismus
Freitag, 6. Mai, letzter Konferenztag. Im Block »Geschlechtliche Dimension des Krieges« berichten feministische Aktivist*innen und Mitarbeiterinnen von Frauenrechts-NGOs ĂŒber die sexuelle Gewalt, die Frauen im Zuge des Krieges erleiden mĂŒssen. Yana Wolf von der feministischen Gruppe Bilkis aus Charkiw, die, wie auch alle anderen Mitglieder ihrer Gruppe vor dem Krieg nach Lwiw fliehen musste, spricht ĂŒber die schwere sexuelle Gewalt an Frauen in den besetzten Gebieten. Von vielen Orten wurde ĂŒber systematische Vergewaltigungen durch russische Soldaten berichtet, Frauen wĂŒrden zur Kriegsbeute, und die bekannten FĂ€lle seien nur die Spitze des Eisbergs, da es schwer sei, ĂŒber solche Schrecken zu sprechen. Die Invasionsarmee setze darauf, die Menschen im Land zu unterwerfen und emotional zu brechen, und dieses Ziel werde an Frauenkörpern vollzogen, sagt Wolf. Doch nicht nur von Seiten des Aggressors drohe mehr Gewalt gegen Frauen, auch in der ukrainischen Gesellschaft habe der Krieg die patriarchale Gewalt verschĂ€rft und traditionelle Geschlechterrollen gestĂ€rkt.
Marta Chumalo, deren NGO Womenâs Perspectives Hilfestellung und Beratung fĂŒr Frauen in Notlagen anbietet und Frauen auf dem Arbeitsmarkt unterstĂŒtzt, bestĂ€tigt das. Chumalo berichtet von einem deutlichen Anstieg hĂ€uslicher Gewalt, begĂŒnstigt nicht nur durch den psychischen Stress der Bombardierungen und die Enge in den SchutzrĂ€umen, sondern auch dadurch, dass viele MĂ€nner zu Hause auf ihre Einberufung warteten, nun zu Kriegern werden sollen, die an die Front gehen â und denen Frauen zu Diensten sein sollten. Die Folge seien mehr verbale Angriffe und mehr gewalttĂ€tiges Verhalten gegenĂŒber Frauen. »Der Krieg legitimiert Gewalt, er produziert MĂ€nner, die Gewalt ausgeĂŒbt haben. Wir beobachten, dass dieser Diskurs die Gewalt gegen Frauen anwachsen lĂ€sst«, sagt Chumalo. Auch Ăbergriffe anzuzeigen, sei schwieriger geworden. Wenn Frauen entsprechende VorfĂ€lle bei der Polizei meldeten, bekĂ€men sie nicht selten zu hören, man habe im Moment wichtigeres zu tun; die anzeigenden Frauen sollten doch bitte nach dem Krieg wiederkommen. Ihre Organisation versuche, Frauen in Notlagen zu unterstĂŒtzen, ihnen einen Schutzraum zu bieten, aber der Bedarf sei riesig.
Auch Abtreibungen wĂŒrden schwieriger, selbst nach Vergewaltigungen, erzĂ€hlt Yana Wolf. In der Ukraine gilt eigentlich ein liberales Abtreibungsrecht, das noch aus Sowjetzeiten stammt. Bis zur zwölfte Schwangerschaftswoche sind sie legal, bis zur 22. unter bestimmten UmstĂ€nden möglich. Doch Frauen wĂŒrden hĂ€ufig in ihren Familien oder auch von Ărzt*innen unter Druck gesetzt, keine AbbrĂŒche vorzunehmen. Der Krieg biete den Rahmen, in der ein Anti-Abtreibungs-Diskurs gedeihe. Die Appelle an Frauen, Nachwuchs fĂŒr die Nation zu produzieren, nĂ€hmen zu.
Auch Wolfs Gruppe unterstĂŒtzt die militĂ€rische Verteidigung gegen die russische Armee. Der russische Angriffskrieg habe Tod, Zerstörung, Schmerz, Angst und psychische Verheerungen ĂŒber die Ukraine gebracht, er stĂ€rke die patriarchalen, rassistischen und ableistischen kapitalistischen VerhĂ€ltnisse, und er mĂŒsse gestoppt werden. Wolf berichtet, dass sich auch eine Aktivistin der Gruppe den TerritorialverteidigungskrĂ€ften angeschlossen habe.
âWenn wir die russische und ukrainische Bevölkerung zu Feinden erklĂ€ren, wird das die Russen noch mehr zusammenschweiĂen.â - Aleksandr Skiba, Eisenbahngewerkschafter
In Zeiten des Krieges die Hand weiter ausgestreckt zu halten, bleibt herausfordernd. Yana Wolf, auf ihrer Jacke ein Patch in den ukrainischen Landesfarben, antwortet wĂ€hrend der Konferenz auf die Frage, ob ihre Gruppe Kontakt zu russischen Feminist*innen habe, mit nein. Derzeit habe sie danach auch kein Verlangen. Der Eisenbahngewerkschafter Aleksandr Skiba hat eine andere Perspektive. »Sobald wir anfangen, die russischen und die ukrainische Bevölkerung zu Feinden zu erklĂ€ren, wird das die Russen mehr fĂŒr den Krieg zusammenschweiĂen«, glaubt der LokfĂŒhrer. Auch unter den russischen Besatzungssoldaten gebe es Menschen, die sich anstĂ€ndig verhielten. Zudem seien viele enttĂ€uscht davon, dass sie als Kanonenfutter verheizt wĂŒrden, hĂ€tten ihm Bekannte erzĂ€hlt, die mit russischen Soldaten ins GesprĂ€ch gekommen seien. Wenn man die demoralisierten Soldaten stĂ€rker »aufwiegeln« und ihnen die Wahrheit aufzeigen könne, gebe es vielleicht die Möglichkeiten, den Krieg schneller zu beenden.
Skibas pragmatischer Optimismus ist erfrischend, auch angesichts der VerhĂ€rtungen, die unter dem Eindruck der Grauen des Krieges ebenfalls zu beobachten sind. Gerade deshalb wĂ€re es so wichtig, den Austausch mit den Genoss*innen in der Ukraine aufzunehmen. Zugleich erfordert eine linke Antikriegspolitik, die Suche nach Handlungsmöglichkeiten von unten nicht in der militĂ€rischen Logik aufzulösen. Auch wenn Skibas Vision derzeit weit entfernt scheint â wenn Linke hierzulande sich nicht mit rechthaberischer Kommentierung des Krieges aus der Ferne zufrieden geben, wenn sie die Suche nach einer linken internationalistischen Politik nicht dem geopolitischen Denken opfern wollen, dann ist es höchste Zeit, die PassivitĂ€t zu ĂŒberwinden und Kontakte zu knĂŒpfen. Zumindest in der ukrainischen Linken ist der Wunsch danach riesig.