SolidaritÀt mit dem ukrainischen Widerstand statt Geopolitik

Die Junge Welt hat Ingar Solty sehr viel Platz zur VerfĂŒgung gestellt, damit dieser die „linken und linksradikalen BefĂŒrworter von Waffenlieferungen in die Ukraine“ der WidersprĂŒchlichkeit, des Moralismus und Geschichtsrevisionismus bezichtigen kann. Sein Ziel ist klar: es geht darum, die linke SolidaritĂ€t mit dem ukrainischen Widerstand als „AnhĂ€ngsel der herrschenden Politik“ zu delegitimieren.

Ingar Solty zieht eine Strohpuppendiskussion auf. Er kritisiert Linke und Linksradikale, die aktiv Waffenlieferungen vom bĂŒrgerlichen Staat fordern, zitiert dann aber ausschließlich liberale bis konservative Journalistinnen, Journalisten, Politiker, Politikerinnen, Professoren und Professorinnen. Das ist entweder unverstĂ€ndlich oder bewusst irrefĂŒhrend. So eröffnet niemand eine ernsthafte Diskussion.

Es ist gleich eine doppelte Falschaussage, wenn Ingar Solty meint, dass jene Linken, die eine Kampagne fĂŒr Waffenlieferungen an die Ukraine fĂŒhrten (wer tut das?), zugleich keine konkrete SolidaritĂ€t mit den Gewerkschaften in der Ukraine ĂŒbten. Die zentrale Differenz ist nicht die Frage, ob irgendwer Waffen an die bĂŒrgerliche Armee der Ukraine liefert oder nicht. DarĂŒber will Ingar Solty in diesem Artikel auch nicht schreiben, obwohl er das mit seiner Delegitimierung der kritisierten „Linksradikalen“ indirekt und sehr wohl gezielt tut.

Die zentrale Frage ist die, ob man sich auf die Seite der kĂ€mpfenden Angegriffenen, UnterdrĂŒckten, Vertriebenen und Ausgebeuteten und deren Kampf fĂŒr eine unabhĂ€ngige und souverĂ€ne Ukraine stellt, und zwar unabhĂ€ngig davon, was die eine oder andere imperialistische Macht gerade tut oder nicht tut. Wenn Ingar Solty das als moralischen Zugang abtut, steht ihm das frei. Doch ohne Empathie und SolidaritĂ€t mit den Angegriffenen ist emanzipatorische Politik unmöglich, geopolitische Schachspielerei jedoch durchaus. Zugleich gibt es sehr wohl theoretisch begrĂŒndete politische GrundsĂ€tze, die in der Geschichte der Arbeiter:innenbewegung verankert sind. Das Recht auf Selbstbestimmung schließt selbstverstĂ€ndlich ein, dass sich die Angegriffenen mit geeigneten Waffen zur Wehr setzen können und dass sie diese Waffen von jenen erhalten dĂŒrfen, die bereit sind, ihnen diese – aus welchen Motiven auch immer – zu geben.

Daraus folgt: es gilt eine dreifache SolidaritĂ€t mit den kĂ€mpfenden LohnabhĂ€ngigen – den Arbeitenden – in der Ukraine zu entwickeln. Das ist eine SolidaritĂ€t:

  • Mit ihrem Widerstand gegen den russischen Imperialismus, der das großrussische Reich wiederherstellen will, darum die Ukraine als unabhĂ€ngigen Staat nicht akzeptiert und dessen Territorium besetzen will.
  • Mit ihrem Widerstand gegen die unsoziale und repressive Politik der Selenskyj-Regierung, beispielsweise gegen die neoliberalen Arbeitsmarktreformen.
  • Mit ihrem Widerstand gegen die PlĂŒnderung der gesellschaftlichen Ressourcen (u.a. billige Arbeit, Landwirtschaftsland, Natur) durch Konzerne aus Westeuropa und den USA sowie ihren Anstrengungen fĂŒr einen Schuldenerlass fĂŒr die Ukraine.

Das europĂ€ische SolidaritĂ€tsnetzwerk mit der Ukraine verbindet in seiner Alltagsarbeit genau diese drei Achsen. Es stellt sich konsequenterweise den Lieferungen von Waffen an die ukrainischen Armee nicht entgegen, weil es den Widerstand fĂŒr legitim hĂ€lt. Damit steht es im Einklang mit Gewerkschaften, feministischen und LBTGQ-Initiativen, Umweltgruppen und antiautoritĂ€ren und demokratisch sozialistischen Organisationen in der Ukraine, die konkrete Basisarbeit machen, Hilfskonvois organisieren und Geld fĂŒr Waffen sammeln. Viele ihrer Mitglieder stehen an der Front. Sie sind die Partnerinnen und Partner fĂŒr grenzĂŒberschreitende emanzipatorische und solidarische Politik gegen die Geopolitik der MĂ€chtigen. Die sozialistischen, anarchistischen und feministischen Aktivistinnen und Aktivisten des European Network for Solidarity with Ukraine zeigen, dass die Diskussion international weit differenzierter und fruchtbarer sind als die wiederholten Diffamierungskampagnen geopolitischer Linksstrategen und der Jungen Welt.

Geopolitisches Blockdenken

Ingar Solty hat bewusst die Junge Welt fĂŒr seine Polemik ausgewĂ€hlt. Das ist eine Zeitung der Freundinnen und Freunde des geopolitischen Blockdenkens und des Kriegsherrn im Kreml, dessen Reden sie mit wohlwollendem VerstĂ€ndnis abdruckt. Das ist die Zeitung, die sich nicht davor scheut, russische Kriegsverbrechen zu leugnen und zu verharmlosen. Genau da passt der Beitrag auch hin. Ingar Solty schreibt, dass die Ukraine ein vom Westen abhĂ€ngiger Staat sei, der „kaum weniger autoritĂ€r und oligarchenkapitalistisch als der Nachbar Russland“ sei. Damit lĂ€sst er erkennen, dass ihm die Unterscheidung zwischen autoritĂ€rer Diktatur einer imperialistischen Macht, die weiterhin Gebiete in ihrem Inneren und an ihren RĂ€ndern als Kolonialgebiete behandelt, und einer korrupten parlamentarischen Demokratie, eines nicht imperialistischen Staates, völlig belanglos erscheint.

Ingar Solty deutet damit an, dass er eine Niederlage der Ukraine und damit auch eine Zerstörung der ukrainischen Zivilgesellschaft hinnimmt. Denn das ist die Konsequenz, wenn der Ukraine die Mittel zur Selbstverteidigung verwehrt wĂŒrden, wie das Teile der deutschen Linken wollen. Ein Erfolg von Putin wĂŒrde allerdings auch seine BrĂŒder im Geiste ermuntern, ihrerseits neue Kriege zu eröffnen. Auch Erdogan sĂ€he sich bestĂ€tigt, seinen Krieg gegen die kurdische Bevölkerung zu intensivieren. Andere Herrscher haben ebenfalls ihre AnsprĂŒche gegenĂŒber Nachbarbevölkerungen angemeldet.

Ja, die USA und andere europĂ€ischen Regierungen nutzen jetzt diesen Krieg, um Russland zu schwĂ€chen. Ja, es gibt einen geopolitischen Kontext. Das ist imperialistischer Normalzustand und eine geradezu triviale Erkenntnis. Ja, die USA rĂŒsten die Ukraine auf. Aber erst der ukrainische Widerstand hat den Westen vor die Herausforderung umfassender Waffenlieferungen gestellt. Das alles Ă€ndert nichts daran, dass der Widerstand der ukrainischen LohnabhĂ€ngigen – obgleich in der bĂŒrgerlichen Armee – gegen eine Besatzungsdiktatur legitim ist und daher von uns auch unterstĂŒtzt soll. Ja, die westlichen Regierungen liefern einigermaßen wirksame Waffen an die Ukraine – allerdings sehr selektiv und wohl dosiert. Wenn sie das nicht gemacht hĂ€tten, gĂ€be es eine russische Besatzungsdiktatur, und es gĂ€be auch keine Zivilgesellschaft, keine Gewerkschaften und keine linken und feministischen Gruppen mehr in der Ukraine, stattdessen wĂŒrden aber einige Millionen mehr FlĂŒchtlinge eine neue Heimat suchen. Das weiß auch Ingar Solty. WĂŒrde er rĂŒckblickend seine Ablehnung von Waffenlieferungen vom letzten FrĂŒhjahr immer noch richtig finden?

Ja, die US-Luftwaffe hat entscheidend dazu beigetragen, dass die YPG (VolksverteidigungskrĂ€fte) Kobane in Nordsyrien verteidigen konnten. Ohne amerikanische Truppen hĂ€tten die SDF (Syrisch demokratischen KrĂ€fte, breites BĂŒndnis mit YPG) den Islamischen Staat nicht aus Raqqa vertrieben. Konsequenterweise mĂŒsste Ingar Solty schreiben, dass es falsch Kobane war, mit Hilfe der USA zu verteidigen. Oder bringt das seine eigene „Aporie“ oder schlicht Unredlichkeit zum Ausdruck?

Ingar Solty rĂ€t den linken UnterstĂŒtzerinnen und UnterstĂŒtzern des ukrainischen Widerstands zynischer- und absurderweise internationale Kampfbrigaden zu bilden. Erst damit wĂŒrden sie ihre Ernsthaftigkeit unter Beweis stellen. Zwei kurze Antworten: Es gibt keine gesellschaftlichen KrĂ€fte in der Ukraine, die sich so etwas wĂŒnschen. Zweitens ist es offensichtlich, dass derartige Brigaden ohne schwere Waffen gegen die russische Artilleriewalze und Raketenflut weder politisch noch militĂ€risch eine angemessene Antwort wĂ€ren.

Ingar Solty wirft jenen, die sich mit dem ukrainischen Widerstand solidarisieren, etwas umstĂ€ndlich vor, „den bĂŒrgerlich-kapitalistischen Staat als Vehikel fĂŒr ihre Politik entdecken“, obwohl sie sich doch scheinbar mit Staatskritik beschĂ€ftigt hĂ€tten. Diese Kritik ist skurril. In ihrer ganzen Geschichte haben sich unterschiedlichste Strömungen der Arbeiterinnenbewegung immer wieder – wohl oder ĂŒbel – an den bĂŒrgerlichen Staat gewendet, um ihren Forderungen nach einem besseren Leben eine konkrete Gestalt zu verleihen. Ist nun der Kampf der ukrainischen LohnabhĂ€ngigen fĂŒr nationale Selbstbestimmung nicht mehr berechtigt, weil sie diesen im Rahmen einer bĂŒrgerlichen Armee fĂŒhren? Oder sollte man gar darauf verzichten, an die imperialistischen Staaten Forderungen zu stellen? Anstatt Unterstellungen in die Welt zu setzen, wĂ€re es hilfreich, wenn Ingar Solty konkrete Antworten auf die anstehenden Fragen gĂ€be.

Debatten in der Ukraine

Ja, die Eskalation des Krieges ist ein Problem. Wichtig ist jedoch zu verstehen, wie diese Frage in der ukrainischen Gesellschaft diskutiert wird. Gilbert Achcar hat hierzu einige nĂŒtzliche Überlegungen angestellt. Die westeuropĂ€ische Linke mĂŒsste gemeinsam mit den sozialen KrĂ€ften in der Ukraine solidarisch ĂŒber Wege diskutieren, wie der Eskalationsspirale zu entkommen ist. Aber die Entsolidarisierung vom Widerstand hilft nicht die Eskalation zu stoppen, sondern ermuntert die Putin-Diktatur ihre Eskalation bis zur Zerstörung der Ukraine weiterzutreiben.

Wann kommt der Moment fĂŒr Verhandlungen? Putin und seine Herrscherclique werden dann in Verhandlungen einwilligen, wenn sie die EinschĂ€tzung machen, dass eine VerlĂ€ngerung des Kriegs ihrer Machtsicherung weniger zutrĂ€glich ist als ein Waffenstillstand. Das hat mit totalem Sieg der Ukraine oder einer Eskalation nichts zu tun. Das ist eine Situation, in der Putin eher die SouverĂ€nitĂ€t der Ukraine anerkennt, als den Zerfall seiner Macht oder sogar seines Reiches zu riskieren.

Leider haben sich betrĂ€chtliche Teile der Linken in Deutschland dazu hinreißen lassen, die politische Auseinandersetzung an der Frage der Waffenlieferungen zu polarisieren und all jenen, die sich mit dem Widerstand der Ukraine solidarisieren vorzuwerfen, sie wĂŒrden sich der NATO unterunterordnen. Dieser Vorwurf ist lĂ€cherlich. Denn es geht um die grundsĂ€tzliche Verbundenheit mit der widerstĂ€ndigen ukrainischen Bevölkerung, unabhĂ€ngig davon, was die NATO macht.

Wegen dieser Zuspitzung auf die Waffenlieferungen verschließen sogar antikapitalistische Gruppierungen die Augen davor, wie es Wagenknecht & Co. gelingt, ihr „sozialkonservatives“ Formierungsprojekt in enger Allianz mit Nationalkonservativen voranzutreiben. Wagenknecht & Co. sprechen mit ihrem „Manifest fĂŒr Frieden“ gezielt gleichzeitig pazifistische, linke wie auch konservative und deutsch souverĂ€nistische Milieus an. Leider tragen auch etliche Strömungen der Linkspartei zu Tendenzen der Entsolidarisierung bei, da sie sich nicht am Widerstand der ukrainischen Bevölkerung orientieren, sondern davon ausgehen, dass die Ukrainer:innen sich dummerweise fĂŒr einen Stellvertreterkrieg fĂŒr die NATO instrumentalisieren ließen. Die Entsolidarisierung von der Ukraine (und anderen antiimperialistischen KĂ€mpfen) ist allerdings das primĂ€re Projekt nationalkonservativer und rechtsextremer KrĂ€fte. Diese einseitige Orientierung auf einen „Frieden“, der keiner sein kann, bezahlt die Linke mit einem langfristigen GlaubwĂŒrdigkeitsverlust.

Christian Zeller lehrt Wirtschaftsgeographie und Global Studies an der UniversitĂ€t Salzburg. Er publizierte zu global ungleicher Entwicklung, Bedeutungszunahme des Finanzkapitals, Inwertsetzung der Natur, Stadtentwicklung und Wirtschaftsdemokratie. Er setzt sich fĂŒr eine transnationale ökosozialistische Bewegung von unten ein. Christian engagiert sich in der politischen Bewegung Aufbruch fĂŒr eine ökosozialistische Alternative und ist Autor/Koautor mehrerer BĂŒcher, kĂŒrzlich erschienen etwa: "Corona, Krise, Kapital. PlĂ€doyer fĂŒr eine solidarische Alternative in Zeiten der Pandemie." (2020, mit Verena Kreilinger, Winfried Wolf) sowie "Revolution fĂŒr das Klima. Warum wir eine ökosozialistische Alternative brauchen." (2020) © Foto Kain

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